Elf Milliarden, die niemand unter Mamdani verlor
Im Juli 2026 verbreitete sich eine Zahl mit der Wucht einer Tatsache: New York habe, so hieß es in sozialen Netzwerken, unter Bürgermeister Zohran Mamdani binnen eines Jahres elf Milliarden Dollar an Steuereinnahmen verloren. Grund: die Abwanderung von Millionären. Hunderttausende Aufrufe, geteilte Screenshots, empörte Kommentare. Die Behauptung reihte sich ein in ein Narrativ, das bereits vor der Wahl im November 2025 bereitlag – der demokratische Sozialist, der die Reichen aus der Stadt treibt, die Stadt in den Bankrott, die Stadt als mahnendes Beispiel.
Nur dass die Rechnung nicht aufgeht. Sie geht nicht einmal ansatzweise auf.
Die Zahl stammt aus einer Studie der Citizen Budget Commission, einem in New York ansässigen Thinktank, der die Steuerpolitik des Bundesstaates und der Stadt untersucht. Die Studie wurde am 13. Juli 2026 veröffentlicht. Sie beschäftigt sich mit dem Bundesstaat New York im Jahr 2022. Mamdani ist Bürgermeister der Stadt, nicht des Bundesstaates. Und er wurde im November 2025 gewählt. Drei Jahre liegen zwischen dem Untersuchungszeitraum und seinem Amtsantritt. Auf zwei Ebenen – der geographischen und der zeitlichen – passt das, was als Bilanz seines Amtsjahres verkauft wird, nicht zu den Daten. Was hier als kommunalpolitische Rechnung präsentiert wird, ist eine Momentaufnahme aus einer Zeit, in der der heutige Bürgermeister noch nicht einmal als Kandidat gehandelt wurde.
Die Citizen Budget Commission beschreibt sich selbst als überparteilich. Wer ihre Führung liest, stößt auf Namen aus der New Yorker Finanzbranche – auf Personen also, die von höheren Steuern für Wohlhabende persönlich betroffen wären. Eine davon: Merryl Tisch, deren Familie zu den reichsten des Landes gehört und die im Wahlkampf an Andrew Cuomos Seite spendete, dem Gegenkandidaten Mamdanis. Die Studie wird dadurch nicht falsch. Sie ist nur eingebettet in einen Diskurs, dem sie zuarbeitet.
Die Studie selbst zeigt einen langfristigen Trend, der älter ist als jede politische Zäsur der jüngsten Zeit. New Yorks Anteil an allen US-Millionären sank zwischen 2010 und 2022 von 12,7 auf 8,7 Prozent – über ein Jahrzehnt hinweg, vor jeder Steuerdebatte, die Mamdani später prägen sollte. Mamdani lässt sich in diese Reihe nicht einreihen. 2022 war er nicht Bürgermeister. Die Wahl, die ihn ins Amt bringen würde, lag dreieinhalb Jahre entfernt.
Die Boulevardzeitung New York Post übernahm die Zahl, die Bild ebenfalls, beide mit Überschriften, die den Kausalzusammenhang bereits in der Zeile herstellten. Von dort wanderte die Zahl in das Ökosystem der sozialen Netzwerke, wo sie ihren zeitlichen Anker verlor – im Tempo einer Plattform, die Belohnungen für Aufmerksamkeit ausschüttet, nicht für Genauigkeit.
Was bleibt, ist die Mechanik einer gut geölten Fehlübertragung: Eine Studie, die ihren Untersuchungsgegenstand klar benennt, wird aus diesem Kontext gelöst, mit einer politischen Figur verknüpft, die zum Zeitpunkt der Datenerhebung noch gar nicht im Amt war, und durch Wiederholung so lange zugespitzt, bis aus einer Zustandsbeschreibung eine Anklage wird. Elf Milliarden klingt nach viel. Es klingt nach Bilanz. Es klingt nach: der Mann, der New York ruiniert.
Die Wahrheit ist unspektakulärer. Sie steht auf Seite eins der Studie, die niemand mit dem Datum nennt: 2022. Bundesstaat. Vor jeder Überlegung, Mamdani zum Bürgermeister zu wählen. Die Faktencheck-Redaktion von Correctiv hat genau das geprüft. Das Ergebnis ist eindeutig: Die Behauptung ist falsch. Bewertet, dokumentiert, abgehakt.
Was bleibt, ist die Zahl selbst. Elf Milliarden mögen real sein, gemessen, nachvollziehbar, interpretierbar. Aber sie sind ein Abschied von 2022, nicht eine Rechnung aus 2026. Man kann aus einer Stadt nicht das steuerliche Verhalten der Reichen herauslesen, das dreieinhalb Jahre vor dem Amtsantritt eines bestimmten Mannes begann. Man kann nur so tun. Und genau das wurde hier getan, mit dem Geschick einer Maschinerie, die weiß, wie man Empörung in Reichweite verwandelt.
Die Mechanik ist alt. Die Bühne ist neu. Die Handschuhe, mit der manche sie bedienen, sind aus feinem Leder.