Made in EU, zertifiziert in Moskau
Es gibt Firmen, die ihre Geschichte in zwei Sätzen erzählen. Und es gibt Firmen, die zwei Geschichten brauchen, um eine zu erzählen. Passwork gehört zur zweiten Sorte.
Ein europäischer Passwort-Manager wirbt mit seiner Herkunft aus der EU, mit Datenschutz nach europäischen Maßstäben, mit dem Versprechen, dass das, was man dort hinterlegt, in einer juristischen Sphäre bleibt, die man noch kontrollieren kann. Soweit die Fassade. Recherchen, die das OCCRP angestellt hat und die in der Folge von weiteren Redaktionen aufgegriffen wurden, zeichnen ein zweites Bild: Derselbe Passwort-Manager, dieselbe Codebasis, dieselben Updates — geteilt mit einer russischen Firma, die über Zertifikate verfügt, welche die Namen zweier Institutionen tragen, deren Buchstaben in jeder Sicherheitsdebatte der vergangenen zwei Jahrzehnte mit besonderem Nachdruck ausgesprochen werden. FSB. FSTEC.
Man muss diese Abkürzungen nicht mögen, um sie zu kennen. Der Föderale Sicherheitsdienst und der Föderale Dienst für technische und Exportkontrolle sind jene Stellen, die in ihren Zertifizierungsverfahren genau das einsehen, was andere als ihr wertvollstes Betriebskapital betrachten: den Quellcode. Wer in Russland eine Sicherheitszertifizierung erhalten will, legt den Code offen. Das ist nicht Spekulation, das ist Verfahren. Das ist, was eine detaillierte Überprüfung des Quellcodes bedeutet, wie sie die Zertifizierungsstellen voraussetzen.
Passwork, so liest man es auf den Seiten der europäischen Variante, präsentiert sich als „made in EU". Die russische Variante trägt die Zertifikate, die einer solchen Werbung erst den nötigen Anstrich verleihen. Cybersecurity-Experten, die das OCCRP konsultiert hat, bezeichnen die Konstellation als ein potenzielles Sicherheitsrisiko auf staatlicher Ebene. Ein Risiko, nicht ein Fakt, nicht ein erwiesener Vorfall, nicht ein nachgewiesener Datenabfluss. Ein Risiko. Aber eines, das in seiner Architektur so alt ist wie die Diplomatie selbst: Man zeigt dem anderen die Karten, weil man es muss, und sagt ihm nicht, dass man sie sich gemerkt hat.
Hier beginnt die Pflicht zur Sorgfalt. Wir haben, zum jetzigen Zeitpunkt, eine Quelle. Eine einzige. Die Fakten, die sie uns liefert, sind konkret: ein gemeinsamer Code, geteilte Ursprünge, geteilte Updates, eine Zertifizierung auf der einen Seite des Vorgangs, eine EU-Adresse auf der anderen. Was wir nicht wissen: Wer genau hinter der russischen Firma steht, in welchem Umfang der Code tatsächlich identisch ist, welche Datenflüsse in welcher Frequenz stattfinden, ob und welche Passwörter — also ob und welche Türen — von dieser Konstellation berührt werden. Wir wissen nicht, was zwischen den beteiligten Häusern auf dem Tisch lag, als diese Zusammenarbeit vereinbart wurde. Wir wissen nicht einmal mit Sicherheit, ob sie vereinbart wurde, oder ob sie einfach geschah, weil sie sich anbot, weil sie billig war, weil sie niemanden störte, solange niemand hinsah.
Die europäische Passwort-Manager-Sphäre ist klein. Sie vertraut auf Versprechen. „Made in EU" ist, mit Verlaub, ein Versprechen. Es bedeutet: hiesiges Recht, hiesige Aufsicht, hiesige Gerichtsbarkeit. Es bedeutet, dass der Server, auf dem mein Passwort liegt, einer Behörde untersteht, die ich wählen kann, deren Regeln ich lesen kann, deren Zuständigkeit endet, wo meine Sprache aufhört. Wenn derselbe Code, dieselbe Logik, dasselbe Update, das ich heute einspiele, morgen auf einer Seite erscheint, deren Zertifikate von FSB und FSTEC stammen, dann ist das Versprechen hohl. Nicht notwendigerweise böswillig hohl. Aber hohl.
Was also geschieht hier? Niemand hat es uns bisher gesagt. Die Betreiber schweigen, soweit uns bekannt ist, zu den Vorwürfen — oder sie haben sie nicht als Vorwürfe erkannt, was bei der Wortwahl mancher Marketingabteilungen durchaus im Bereich des Möglichen liegt. Die Zertifizierungsbehörden auf der anderen Seite sind keine Auskunftspartner europäischer Redaktionen; sie waren es nie. Und die Cybersecurity-Experten, die zu Rate gezogen wurden, sprechen aus jener Distanz, die ihr Beruf erfordert: Sie benennen ein Risiko, sie nennen es „potential security risk at State level", und sie überlassen den Rest jenen, die entscheiden müssen, was mit einem Risiko geschieht, das sich eines Tages als Tatsache entpuppen könnte.
Dass digitale Souveränität nicht an Landesgrenzen Halt macht, ist keine neue Erkenntnis. Neu ist, dass sie inzwischen auch nicht mehr an Firmengrenzen Halt macht. Ein Passwort-Manager ist eine intime Software. Er sieht, was niemand sehen soll. Er bewahrt, was niemand bewahren sollte. Wenn sein Herzschlag — der Code — an zwei Adressen gleichzeitig schlägt, dann ist die Frage nicht mehr, wem man vertraut. Die Frage ist, wem man noch trauen kann, wenn das Vertrauen selbst zur Handelsware geworden ist.
Wir werden diese Geschichte weiterverfolgen. Wir werden die Verifikation jedes einzelnen Satzes einfordern, der uns aus den nächsten Tagen erreicht. Denn in einem geopolitischen Klima, das sich spaltet wie schlecht geschnittenes Holz, ist ein geteiltes Passwort kein technisches Problem. Es ist eine Frage der Hoheit.