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Die vermummte Anklage und das Eigentum

9. August 2026 — — — Kastner

St. Paul, Minnesota, Anfang August 2026. In einem Saal, der für Debatten gebaut wurde und nicht für Vermummungen, trat ein Mann ans Mikrofon, dessen Gesicht niemand kannte und dessen Worte jeder kannte. Es war der 5. August, ein gewöhnlicher Sitzungstag des Stadtrats, und was hier geschah, war das Gegenteil von Gewöhnlichkeit: Ein Maskierter sprach zur demokratischen Versammlung einer amerikanischen Stadt und forderte die Abschaffung des Privateigentums.

Die Worte, die er wählte, waren nicht die eines Bittstellers, sondern die eines Anklägers. "Was wir alle hier tun", sagte er, "ist Teil einer Siedlerkolonie auf gestohlenem Land. Dies ist eine Regierung, die die Siedler vertritt, und die Kapitalisten, und die anderen neoliberalen Faschisten, die unter uns leben." Es folgte eine Anklage gegen die Polizeigewalt, die "unschuldige, wunderschöne Menschen" treffe, während dieselben Menschen zu Hause ihre Haustiere pflegten und ihren Kindern gute Nacht sagten. Und dann der Kern: "Was diese Regierung, was dieses System existiert, ist Privateigentum durchzusetzen." Wer es wage, im Park zu leben, so der Redner weiter, bedrohe die Immobilienwerte und damit das gesamte Gefüge.

Es ist eine alte Formel, die hier wieder einmal vorgebracht wurde — die Verbindung von Polizeigewalt und Eigentumsrecht, die Behauptung, dass jede Räumung, jeder Einsatz gegen Obdachlose lediglich der Schutz eines Systems sei, das auf Besitz gegründet ist. Wer so spricht, spricht nicht im Vakuum. Die Democratic Socialists of America, deren Einfluss auf kommunalpolitische Bewegungen in den vergangenen Jahren gewachsen ist, haben die Infragestellung privaten Eigentums nie als Randnotiz behandelt. Der Redner in St. Paul war keine offizielle Stimme dieser Organisation; aber sein Vokabular gehörte in ihren Korridor, und sein Auftritt trug die Handschrift einer Bewegung, die das kommunale Parkett als Bühne wiederentdeckt hat.

Die Frage, die bleibt, ist nicht, ob solche Forderungen neu sind — sie sind es nicht. Die Frage ist, warum sie an diesem Ort, zu dieser Zeit und in dieser Form vorgebracht wurden. Eine vermummte Person erhält in einem amerikanischen Ratssaal das Wort, ohne dass ihre Identität festgestellt wird. Die Sitzung wird live übertragen. Das Video verbreitet sich über das Konto Libs of TikTok auf der Plattform X innerhalb von Stunden. Die Reaktion folgt dem vertrauten Muster: Empörung, Häme, die sofortige Vermutung, der Mann sei selbst Eigentümer und heuchle nur. "Puzzy, take off your mask", schrieb ein Kommentator, "better yet, come take my property, homeboy." Ein anderer schlug vor, ihn zu entkleiden und seine Kleidung an Bedürftige zu geben. Ein weiterer schrieb: "Brutalität ist das einzige, was Kommunisten verstehen, neben Neid, Ressentiment und Hass."

Man kann diese Reaktionen als das lesen, was sie sind: Die Mechanik einer polarisierten Öffentlichkeit, die jede radikale Geste in ein Meme verwandelt, bevor sie sie als Aussage zur Kenntnis nimmt. Man kann sie auch als das lesen, was sie sein wollen: Eine Antwort, die keine sein will. Denn die Forderung, die hier im Raum stand, war nicht die eines politischen Gegners, mit dem man verhandelt, sondern die eines Symbols. Privateigentum ist in der amerikanischen Verfassung nicht ausdrücklich garantiert, aber seine Heiligkeit ist seit den Gründerjahren ein ungeschriebenes Dogma. Wer es abschaffen will, will nicht weniger als die Grundlage des Vertrags zwischen Bürger und Staat neu schreiben.

Der maskierte Redner beendete seine Rede mit einer Aufforderung, die wie ein Echo klang: Man solle der bewaffneten Gruppe, die alle brutalisiere, die Waffen nehmen. Es war keine Bitte, es war eine Forderung. Und es war eine, die im Saal niemand beantwortete. Die Räte saßen, der Mann sprach, das Video wanderte weiter. Was bleibt, ist eine Frage, die in der nächsten Sitzung wieder auftauchen wird: Wer hat hier eigentlich gesprochen? Nicht welcher Name — sondern welche Überzeugung, dass ein demokratischer Rat sich eine vermummte Anklage gegen seine eigene Verfasstheit anhört, ohne die Maske zu heben.

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