DER ETABLISSEMENT-FLÜGEL MUSS IN MICHIGAN DIE LINKE FLANKE DECKEN
Die Demokratische Partei hat ein Problem, und es trägt einen Namen, den man in den Salons von Detroit nicht gern ausspricht: Es ist die eigene Basis. Am Dienstag, wenn in Michigan die Vorwahlen stattfinden, werden die Kandidaten des Establishments gegen Konkurrenten antreten, die weiter links stehen, unterstützt von Bernie Sanders, der Abgeordneten Rashida Tlaib und der Democratic Socialists of America. Was als geordnete Vorwahl geplant war, gerät zur Kraftprobe zwischen zwei Lagern, die sich längst nicht mehr grüßen.
Im Zentrum steht das Rennen um den Senatssitz. Haley Stevens, seit 2019 im Repräsentantenhaus, hat sich als moderate Kandidatin positioniert. Sie spricht sich gegen eine Abschaffung der Einwanderungsbehörde ICE aus, plädiert für eine öffentliche Krankenversicherungsoption statt Medicare for All und bekennt sich ausdrücklich zur Unterstützung Israels. Ihr Programm liest sich wie ein Katalog vernünftiger Absichten: niedrigere Gesundheitskosten, sauberes Trinkwasser, bezahlbarer Wohnraum, wirtschaftliche Chancen in unterversorgten Gemeinden.
Ihr Gegenkandidat ist Abdul El-Sayed, ehemaliger Gesundheitsdirektor von Wayne County, der eine antietablimentistische Plattform vertritt. Eine Umfrage von Emerson College, WLNS und WOODTV zeigte El-Sayed am Donnerstag mit einem Vorsprung von fünfzehn Punkten. Sollte sich dieser Trend bestätigen, hätte das Establishment nicht nur eine Schlacht verloren, sondern eine Festung.
Die Spendendaten werfen ein zusätzliches Licht auf die Verzwicktheit der Lage. Einunddreißig Prozent der Spender, die Stevens' Senatskampagne seit Anfang 2025 mit mindestens zweihundert Dollar bedachten, haben im selben Zeitraum auch an AIPAC gegeben. Ein mit AIPAC verbundener Geldgeber hatte bereits 2022, als Stevens zuletzt in einer Kongressvorwahl antrat, über fünf Millionen Dollar an Spenden und unabhängigen Ausgaben investiert. Die Summe allein sagt nichts Endgültiges, aber sie erklärt das Misstrauen, das Stevens von links entgegenschlägt.
Stevens' Kampagne litt unter weiteren Eigenheiten. Mitte Juli ging eine Wahlkampfrede viral, die mehr Verwirrung als Begeisterung auslöste. „Ich werde unsere Geschichten erzählen, und Sie können darauf wetten, dass ich es mit einer kleinen Portion Freude tun werde, einer kleinen Portion Enthusiasmus, einer kleinen Portion Energie und einer kleinen Portion: denen zeigen, was eine Harke ist“, sagte sie vor Anhängern. Die Reaktion im Netz fiel höhnisch aus. Kurz darauf sorgte ein Auftritt für Aufsehen, bei dem Stevens ankündigte, sie müsse „es rauslassen“. Kritiker warfen ihr vor, mit verstellter Stimme zu sprechen.
Das Establishment indes hält zusammen, soweit es kann. Gouverneurin Gretchen Whitmer, Senator Gary Peters und der einflussreiche Abgeordnete Jim Clyburn aus South Carolina sprachen ihre Unterstützung aus. Eine illustre Liste, die in Detroit wenig verfing, solange die Umfragen eine andere Sprache sprechen.
Während in Michigan die Karten neu gemischt werden, verschärft sich der Ton auf einer anderen Bühne. Hasan Piker, ein linker Streamer, der innerhalb der Demokratischen Partei an Einfluss gewinnt, verteidigte sich am Sonntag in einem CNN-Interview gegen Vorwürfe, er habe die Terrororganisation Hamas unterstützt. Auf die Frage, ob sein Bekenntnis zur Hamas auch deren frauen- und LGBTQ-feindliche Politik einschließe, sagte Piker, es handle sich nicht um eine Billigung deren Innenpolitik, doch niemand kümmere sich tatsächlich um deren Innenpolitik. Er bezeichnete sich als Wähler, der den geringeren Übel wähle, und erklärte, er würde „Hamas über Israel wählen, jedes Mal“.
Der Kongress hatte im April eine überparteiliche Resolution verabschiedet, die Pikers Äußerungen verurteilte. Pikers frühere Aussagen, Hamas sei „tausendmal besser als der faschistische Siedlerkolonialapartheidstaat Israel“, waren darin ausdrücklich genannt worden. Ob solche Positionen den progressiven Flügel der Partei stärken oder das Gegenteil bewirken, ist eine Frage, die Michigan am Dienstag beantworten wird.
In Washington, in den Fluren des Kapitols, beobachtet man das Geschehen mit der Fassung jener, die schon viele Vorwahlen haben kommen und gehen sehen. Man weiß dort: Wer die Mitte hält, verliert oft beide Flanken.