Vierzigtausend Crore und die Architektur des Abschieds
Es gibt Summen, die so gewaltig sind, dass sie ihre eigene Moral verschleiern. Vierzigtausend Crore, rund fünf Milliarden Dollar, hat die indische Zentralregierung einem einzigen Zweck gewidmet: dem "wissenschaftlichen" Verschluss ausgebeuteter Kohleminen. Union Minister G. Kishan Reddy verkündete diese Zahl am Mittwoch in Neu-Delhi, anlässlich der Unterzeichnung eines Umsetzungsabkommens mit der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, kurz GIZ, und umrahmte sie mit dem Vokabular einer Ära, die sich selbst als Wendepunkt begreift.
"Under Prime Minister Modi's leadership, we have changed the very philosophy of mine closure and made it a national priority", sagte Reddy. Und weiter, mit der Intonation eines Mannes, der die Zukunft bereits zu kennen glaubt: "We no longer see it as end of mining rather the beginning of new opportunities." Wer Reddy bei solchen Sätzen zusieht, sieht einen Architekten am Reißbrett der Erinnerung. Die Grube ist nicht mehr Loch; sie ist Tor. Die Erde, die sich öffnete, damit Kohle ans Licht kam, soll sich nun öffnen, damit – so die offizielle Lesart – neue Ökonomien, neue Landschaften, neue Gemeinschaften entstehen.
Die Bilanz, die Reddy präsentierte, liest sich zunächst nüchtern: 42 Minen wurden bislang wissenschaftlich geschlossen, 33 davon allein im Haushaltsjahr 2025/26. Bis zum Ende des kommenden Zeitfensters sollen weitere 147 folgen. Das ist, gemessen an der schieren Zahl der aktiven und stillgelegten Kohlefelder Indiens, ein Bruchteil. Es ist auch, gemessen an dem, was eine wissenschaftliche Schließung in der Sprache internationaler Bergbaunormen tatsächlich bedeutet – Rekultivierung, Hydrologie, Monitoring über Jahrzehnte –, ein Programm, dessen Ambition seine Finanzierung erst noch einholen muss.
Doch der Minister sprach nicht nur von Geld. Er sprach von einem "indischen Modell", einer Synthese aus Umweltschutz und ökonomischer Chance, aus Technologie und kommunaler Teilhabe, aus globalen Best Practices und indischer Innovation. Die Formel klingt vertraut. Sie klingt nach jedem Transitionsversprechen, das in den vergangenen Jahren von Bergbauministern rund um den Erdball formuliert wurde – von Politikern, die wussten, dass das Reden leichter ist als das Bohren.
Hier setzt die Skepsis ein, die nicht verschwörerisch sein muss, um berechtigt zu sein. Kohle ist in Indien nicht nur Rohstoff; sie ist Geopolitik, ist Beschäftigung für Hundertausende in den Kohlerevieren des Landes. Sie ist Devisenbringer und Wahlversprechen zugleich. Eine Summe von vierzigtausend Crore, die ausschließlich der Schließung gewidmet ist, markiert daher weniger einen ökologischen Abschied als die Kalkulation seiner Kosten. Sie ist, mit anderen Worten, der Preis, den die Regierung dafür veranschlagt, das Ende der Kohle zu moderieren, ohne die Kohle selbst aufzugeben.
Die externe Korrektur kommt in Gestalt der GIZ. Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit bringt Expertise und, man darf vermuten, auch das diplomatische Selbstverständnis einer Industrienation ein, die ihren eigenen Weg geht. Welche Methoden dabei tatsächlich transferiert werden, bleibt abzuwarten. Auch hier gilt eine alte Regel: Der Handschlag auf dem Podium ist billiger als die Umsetzung im Revier.
Was Reddy als "national priority" bezeichnet, ist ökonomisch eine Logik der Substitution. Arbeitsplätze, die der Kohle folgten, sollen in landwirtschaftliche Nutzung, in erneuerbare Energieprojekte, in Tourismus und Aufforstung überführt werden – so zumindest die Erzählung. Ob die Gemeinschaften entlang der Kohlereviere diese Substitution akzeptieren werden, hängt weniger von der Höhe der Crore ab als von der Frage, wer über sie verfügt. Zentralisierte Fonds, so lehrt die Geschichte, sind anfällig für jene Pathologien, die sie zu heilen vorgeben: Mittelbindung an politische Gunst, an Wahlzyklen, an die Logik der Sichtbarkeit.
Vierzigtausend Crore sind, im Maßstab eines indischen Haushalts, kein Posten, den man übersieht. Sie sind auch kein Posten, der die Energiewende des Landes trüge. Sie sind ein Signal: dass die Regierung das Ende der Kohle als administratives Projekt versteht, nicht als strukturellen Bruch. Und Signale, das wissen wir aus einer langen Geschichte unterzeichneter Absichtserklärungen, sind die ersten Dokumente derer, die Geschichte schreiben wollen, ohne sie zu verändern.
❖ Ende des Artikels ❖
