Die hohlen High Streets und das Spiel dahinter
Andy Burnham spricht das Wort aus, das seit Jahren in den Redaktionsstuben der Insel kursiert: „hollowed out". Ausgehöhlt. Es klingt nach Architekturkritik, nach Soziologie, nach dem Befund eines Mannes, der mit dem Finger auf die Wunde zeigt. Doch wer ein wenig genauer hinsieht, wird bemerken, daß der Finger selbst zur Inszenierung gehört.
Burnham, inzwischen Premierminister, hat angekündigt, den Kommunen in England und Wales mehr Macht zu geben, um die Ausbreitung von Vape-Läden und Wettbüros zu stoppen. Vape-Shops sollen künftig einer Planungsgenehmigung bedürfen, Wettbüros sollen leichter abgelehnt werden können. Zu diesem Zweck soll die sogenannte „aim to permit"-Regel des Gambling Act aus dem Jahr 2005 fallen — eine Regel, die Kommunen bislang faktisch zwang, neuen Spielstätten zuzustimmen, sofern die lizenzrechtlichen Voraussetzungen erfüllt waren. Eine beschleunigte Konsultation soll in sechs Wochen durchlaufen werden, Anfang 2027 sollen die Maßnahmen in Kraft treten.
So weit die Fassade. Dahinter beginnt das alte Spiel, das jeder kennt, der je einem Verhandlungstisch in Genf beigewohnt hat: Man wählt das sichtbare Symbol und behandelt es als Ursache.
Denn die Ursachen liegen anderswo. Sie liegen in einer Entwicklung, die jeder Ökonom seit einem Jahrzehnt benennt und die kein Premierminister hören will: Nahezu jeder dritte Einzelhandelseinkauf in Großbritannien findet inzwischen online statt. Die physische High Street ist nicht ausgehöhlt, weil zu viele Vape-Läden eröffnet wurden, sondern weil die Geschäfte, die einst ihr Rückgrat bildeten — Buchhandlungen, Schuhmacher, kleine Lebensmittelhändler, Familienbetriebe — einem Strukturwandel zum Opfer gefallen sind, der von Steuerpolitik, Mietentwicklung, Logistikrevolution und verändertem Konsumverhalten getrieben wird.
Professor Will Jennings von der University of Southampton, der die zugrundeliegende Untersuchung geleitet hat, gibt dies offen zu. Seine Analyse zeige, daß Labour bei der nächsten Unterhauswahl „in einer Woge der Unzufriedenheit weggespült" werden könnte, wenn die Partei den Niedergang der High Streets nicht adressiere. Die Maßnahme gegen Vape-Shops und Wettbüros sei „ein wichtiger erster Schritt", so Jennings — aber sie werde „nicht alles lösen". Wer dieses Zitat liest, versteht die Mechanik: Man nehme ein sichtbares Ärgernis, erkläre es zur Ursache und suggeriere Handlungsfähigkeit.
Burnhams eigene Worte spiegeln diese Logik. „Für viele Menschen", sagte er, „sind die High Streets, mit denen sie aufgewachsen sind, ausgehöhlt und über Jahrzehnte des Niedergangs unkenntlich geworden." Jahrzehnte. Das Wort ist gewählt. Es verteilt die Verantwortung über so lange Zeiträume, daß niemand mehr Rechenschaft ablegen muß. Es ist die Sprache der historischen Erklärung, nicht die der politischen Verantwortung.
Was an dieser Inszenierung auffällt, ist die Präzision, mit der die Zielscheiben ausgewählt wurden. Vape-Läden und Wettbüros sind keine Zufallsgegner. Sie sind die Geschäfte, die sich noch mieten können, was andere nicht mehr bezahlen. Sie sind die Restverwerter der Mieten, die der Leerstand hinterläßt. Sie kommen nicht zuerst; sie kommen zuletzt. Sie sind das Ende einer Kette, deren Anfang man nicht benennt.
So entsteht das Paradox: Eine Regierung, die den Strukturwandel nicht aufhalten kann, wendet sich gegen die letzten sichtbaren Akteure dieses Wandels. Es ist, als würde man den letzten Mieter eines Hauses verklagen, das der Eigentümer hat leerlaufen lassen.
Die Frage, die bleibt, ist nicht, ob die Maßnahme etwas bewirken wird — sie wird es, in bescheidenem Rahmen. Die Frage ist, was sie verdecken soll. Der Online-Handel, die Konzentration im Lebensmittelhandel, die Schließung von Bankfilialen und Postämtern, die Umnutzung von Gewerbeflächen — all das bleibt unangerührt. Wer den Schmerz der Menschen ernst nehmen wollte, müßte dort ansetzen, nicht bei den dampfenden Schaufenstern und den blinkenden Wettterminals.
Vielleicht ist genau das der Punkt. Wer die Ursachen benennt, macht sich Feinde. Wer die Symptome bekämpft, macht Schlagzeilen. Burnham wählt die Schlagzeile. Wie immer in der Politik: Was am lautesten klingt, ist selten das, was am tiefsten greift.
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