Börse 1937
Terminal Tribune

11. August 2026

Dossier · Wissenschaft & Gesundheit

Wo das Schweigen gefährlicher ist als das Gift: Fentanyl und die Aufklärung

11. August 2026 — — Prof. Kessler

Meine Pfeife ist kalt. Der Hausmeister der Redaktion hat sie mir heute Morgen aus der Hand genommen, mit dem Hinweis, das Treppenhaus rieche nach verbranntem Tabak. Ich habe sie zurückgefordert. Hier, in meinem Winkel der Terminal Tribune, riecht es nach verbranntem Tabak. Das ist 1937 so üblich. Und ich habe in dreißig Jahren gesehen, wie Gerüche kamen und gingen, während die Wahrheiten blieben.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Heute liegt auf meinem Schreibtisch eine Studie aus dem Sommer 2026, veröffentlicht im JAMA Network Open. 3.820 Schülerinnen und Schüler der achten, zehnten und zwölften Klasse wurden befragt. Eine ordentliche Stichprobe. Repräsentativ, demografisch divers, methodisch sauber. Das Ergebnis, mit Verlaub, ist eine Bankrotterklärung.

Nur 47,8 Prozent der amerikanischen Achtklässler — Kinder, dreizehn, vierzehn Jahre alt — halten es für ein großes Risiko, Fentanyl ein- oder zweimal zu konsumieren. Das heißt im Klartext: Mehr als die Hälfte dieser Heranwachsenden hat nicht mit einem klaren Ja geantwortet, als man sie fragte, ob das Zeug gefährlich sei. Manche stuften es als geringes oder mäßiges Risiko ein. Sechzehn Prozent wussten nicht einmal, was Fentanyl ist. Jeder sechste Teenager kennt das Gift nicht beim Namen.

Ich erinnere mich an Aufklärungskampagnen, an Plakate in Schulfluren, an Filme, an assembly halls, an verlegte Broschüren. Ich erinnere mich auch daran, dass die meisten dieser Anstrengungen von Stiftungen und Behörden finanziert wurden, deren Etats ich hier nicht prüfen kann — und genau das ist der Punkt. Fentanyl ist heute für 75 Prozent der jugendlichen Drogentodesfälle verantwortlich. Im Jahr 2023 waren das einundzwanzig Tote pro Woche. Eine komplette Schulklasse, die jede Woche vom Erdboden verschwindet.

In New York, der Stadt, die ich seit einem Besuch im Frühjahr neunzehn-dreißig im Gedächtnis trage, starben im selben Jahr 5.300 Menschen an Opioiden. 93 Prozent dieser Todesfälle hatten Fentanyl im Spiel. Eine Zahl, die in ihrer Nüchternheit beinahe obszön wirkt.

Was also ist Fentanyl? Ein synthetisches Opioid, so potent, dass bereits Mengen töten, die auf einem Fingernagel Platz fänden. Es wird gestreckt, untergemischt, in andere Substanzen geschnitten, ohne dass die Käufer es wissen. Der Händler an der Straßenecke weiß es vielleicht selbst nicht. Die Lieferkette ist undurchsichtig, das Produkt kontaminiert, das Risiko tödlich — bei einmaligem wie bei gelegentlichem Konsum.

Die Studie misst weiter: Bei den Zehntklässlern steigt die Risikoeinschätzung auf 64 Prozent, bei den Zwölftklässlern auf 69 Prozent. Mit dem Alter also, so scheint es, wächst das Wissen. Wachsen muss es schneller. 8,9 Prozent der Zehntklässler und 9,9 Prozent der Senioren kennen das Mittel immer noch nicht beim Namen. Und die Studie fand einen weiteren Befund, den ich hier nicht übergehen möchte: Weiße Schüler stuften Fentanyl am ehesten als gefährlich ein. Dieser Unterschied zwischen den demografischen Gruppen verdient eine eigene Untersuchung, sobald die Pfeife wieder glüht.

Dreitausendachthundertzwanzig Stimmen, gesammelt im Juli, veröffentlicht in einer Fachzeitschrift mit Peer Review. Solide. Belastbar. Und was sie erzählen, ist nicht das Versagen einzelner Kinder. Es ist das Versagen eines Systems, das glaubte, mit Warnungen ließe sich Wissen ersetzen. Es ist das Versagen einer Präventionspolitik, die Aufklärung mit Plakatwänden verwechselt. Es ist das Versagen einer Öffentlichkeit, die den Tod einer Schulklasse pro Woche zur Statistik verkommen lässt.

Ich notiere weiter. Die Pfeife glüht. Die nächste Studie ist bereits angekündigt.

Wer aber füllt das Vakuum?

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