Die Stadt schwört auf Pläne und schwimmt im Schatten
Manche Wahrheiten beginnen mit einer Zahl, andere mit dem Schweigen nach einer Frage. Wer in diesen Wochen durch deutsche Innenstädte geht, durch die Hauptstraßen Berlins, durch die Hochhausschluchten Frankfurts oder die baumbestandenen Boulevards Stuttgarts — wer die Hitze nicht bloß als Wetterphänomen begreift, sondern als Zustand einer Gleichgültigkeit, der findet rasch, was fehlt. Es sind nicht die Pläne. Es sind die Konsequenzen.
Die Umweltmedizinerin Claudia Traidl-Hoffmann hat es ausgesprochen, ohne dass ihr Satz die Schlagzeilen erreichte: Weitestgehend fehlen die Konzepte, wie deutsche Städte mit Hitzewellen umgehen können. Eine Feststellung, die wie ein Urteil klingt und doch nur den Zustand benennt. Denn Konzepte existieren in Schubladen, in Sitzungsprotokollen, in PDF-Dokumenten, die niemand öffnet, wenn das Thermometer vierzig Grad anzeigt und die Asphaltflächen die Wärme zurück in die Nacht strahlen, in der sie nicht mehr aus den Mauern weicht.
Es ist die Banalität des Versagens, die hier sichtbar wird. Der Ökonom Stephan Rammler spricht von Hitzespitzen und Starkwetterereignissen, und er sagt, es mache keinen Sinn, die Augen zu verschließen vor dem, was die Hitze mit den Städten macht. Sie sei die zentrale aktuelle Herausforderung für deutsche Städte. Eine Diagnose, die das Gewicht einer Mahnung trägt und in den Amtsstuben verhallt. Denn wer verschließt die Augen? Es sind die Verwaltungen, die Klimaschutz und Hitzeschutz als freiwillige kommunale Aufgaben behandeln, während Straßengrün, Dämmung und Fassadenbegrünung in den Haushalten an nachgeordneter Stelle stehen.
Klimaschutz und Hitzeschutz, das steht in keinem Gesetz mit verbindlicher Wirkung. Es sind Aufgaben, die jede Kommune nach eigenem Ermessen interpretieren darf. Und das, so viel lässt sich nach Jahren der Berichterstattung sagen, ist das eigentliche Versagen: Was freiwillig bleibt, wird aufgeschoben. Was aufgeschoben wird, vergessen die Wahlperioden. Was die Wahlperioden vergessen, trifft jene, die keine Lobby haben — die Alten, die Kranken, die Kinder, die Bewohner der obersten Stockwerke in ihren Mietshäusern, ohne Aufzug, ohne Klimaanlage, ohne Aussicht auf ein anderes Quartier.
Trinkwasserbrunnen, jene unscheinbaren Bronzearmaturen, die in Parks und auf Plätzen stehen sollen, sind ein leises Symptom dieser Lücke. Sie gelten als wichtige Komponente kommunaler Hitzeschutz-Konzepte, als kleines, sichtbares Zeichen einer Fürsorge, die sich selbst genügt. Doch ihre Zahl bleibt überschaubar, ihre Wartung unzuverlässig, ihre Standorte oft das Ergebnis politischer Kompromisse statt planerischer Logik. Wer im Hochsommer durch die Außenbezirke einer Großstadt fährt, sieht die Stadtteile, in denen kein Brunnen sprudelt, in denen kein Schatten fällt, in denen das Grün der Vorgärten längst dem Asphalt der Parkplätze gewichen ist.
Es ist die Topographie der Vernachlässigung, die sich hier abzeichnet. Die Innenstadt mit ihren Springbrunnen und bewässerten Rabatten, die Außenbezirke mit ihren versiegelten Flächen und kargen Alleen. Wer sich die Karte der kommunalen Trinkwasserbrunnen ansieht, sieht eine Sozialkarte der Stadt, gezeichnet nicht in Daten, sondern in Durst.
Was fehlt, ist nicht das Wissen. Es ist die Bereitschaft, Wissen in Verpflichtung zu verwandeln. Konzepte, die niemand umsetzt, sind keine Konzepte. Sie sind Papiere, die in Archiven vergilben, während die Menschen in ihren Wohnungen die Fensterläden schließen und auf die Nacht warten — auf jene Stunden, in denen die Luft vielleicht einmal kühler wird, in denen die Stadt sich erinnert, dass sie auch ein Ort zum Leben sein sollte.
Dabei wäre der Preis der Umkehr überschaubar, gemessen an dem, was auf dem Spiel steht. Stadtbäume, die Schatten werfen und Wasser verdunsten, kosten weniger als die Kühlung der Krankenhäuser, in denen Hitzepatienten landen. Trinkwasserbrunnen kosten weniger als die Einsätze der Rettungsdienste, die in den Hitzetagen steigen. Fassadenbegrünung an Schulen kostet weniger als die schwindende Konzentration der Kinder in überhitzten Klassenzimmern. Aber diese Rechnung wird nicht gestellt, weil sie eine Frage der Prioritäten wäre, und Prioritäten werden von denen gesetzt, die in klimatisierten Räumen sitzen.
1937, sagt man, war die Welt noch überschaubar. Damals kannte man die Mechanismen, die heute unter weicherem Lack verborgen liegen. Auch damals wurden Verträge unterschrieben und nicht eingehalten. Auch damals lächelten die Herren, während sie logen. Heute lächeln die Akten. Und die Hitze kommt trotzdem.
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