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11. August 2026

Dossier · Wissenschaft & Gesundheit

Waldbaden auf Rügen, Fluten im Südsudan

11. August 2026 — — Prof. Kessler

Zwei Bilder, ein Planet. Auf Rügen laufen zehn Jugendliche barfuß durch Laub, die Augen verbunden, und schärfen ihre Sinne beim Waldbaden. Im Südsudan stehen neunzigtausend Menschen im Wasser und schärfen keine Sinne, sie retten, was zu retten ist. Beides, so heißt es, hat mit Klima zu tun.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Das erste Bild kommt von Salon5, einem anerkannten Träger der freien Jugendhilfe, der sein Klima-Sommercamp 2026 in Mecklenburg-Vorpommern ausgerichtet hat. Zehn Jugendliche aus verschiedenen Standorten der deutschen Jugendredaktion, eine ganze Woche lang. Workshops, gemeinsame Recherche, gefilmt, aufgenommen, produziert. Am ersten Tag ging es direkt in den Wald, gemeinsam mit dem NABU Mecklenburg-Vorpommern. Dort lernten die Teilnehmenden, warum gesunde Wälder für das Klima unverzichtbar sind und damit auch für die menschliche Gesundheit. Umweltpädagogik, das enge Verhältnis zwischen Natur und Wohlbefinden. Für einige Stadtkinder war das Barfußlaufen eine echte Herausforderung. Ein Ausflug in den Nationalpark Jasmund, geführte Wanderung entlang der berühmten Kreidefelsen, saubere Luft, gesunde Meere. Man produzierte ein ASMR-Video mit den Geräuschen des Parks. Man diskutierte über Klima-Angst, formulierte Statements, tauschte Perspektiven aus. Am Ende: Kajakfahren auf dem Ryck, Schwimmen, Lesen am Strand, Spieleabende. Neue Freundschaften, erweiterte Perspektiven, nebenbei journalistisch gearbeitet. Gefördert von der Targobank Stiftung. Man freut sich auf 2027.

Das zweite Bild kommt aus Ostafrika. Das UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten, kurz OCHA, meldet, dass rund neunzigtausend Menschen im Südsudan vor Überschwemmungen geflohen sind. Heftige Unwetter, binnen weniger Tage. Ärzte ohne Grenzen dokumentiert, wie Hochwasser als Folge des Klimawandels entsteht und welche Gefahren es für die Menschen bedeutet. Mission 21 spricht von einer humanitären Krise, in der mehr als sieben Millionen Menschen ohnehin schon von Hunger betroffen sind. Dürre und Flut im Wechsel — ein Land, das zwischen den Extremen keine Atempause mehr findet.

Welt-Sichten zitiert eine bemerkenswerte Frequenz: Seit 2019 gibt es im Südsudan praktisch jährlich Überflutungen. Davor, zuletzt in den Jahren 1960 bis 1962, große Überschwemmungen. Dazwischen sechs Jahrzehnte relative Ruhe. Nun wieder jährlich. Ob Wetter, Regimewechsel in der Klimadynamik oder beides — die Korrelation ist deutlich, der kausale Beweis nicht erbracht. Ich bin Wissenschaftler genug, um die Korrelation zu notieren, und Skeptiker genug, um keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Was bleibt, ist eine Anhäufung von Datenpunkten, die nach weiterer Beobachtung schreit.

Die deutsche Jugendredaktion erwähnt den Südsudan mit keinem Wort. Nicht in einer Reel, nicht in einem Podcast, nicht in einer der Diskussionsrunden. Sie erwähnt menschengemachten Klimawandel, Kreidefelsen, Klima-Angst. Sie erwähnt alles, was sich auf Rügen besichtigen lässt. Das ist kein Vorwurf. Es ist die Topographie der Aufmerksamkeit. Was sich in hundert Sekunden erzählen lässt, wird produziert. Was sich nicht erzählen lässt, bleibt unsichtbar — auch für jene, die gerade lernen, dass Klima global ist.

Ich habe dreißig Jahre geforscht. Ich habe gesehen, wie Wissen zur Beruhigung wird, wie Aufklärung zur Folklore verkommt, wie der weiße Kittel zum Kostüm wird. Zehn Jugendliche lernen Waldbaden. Neunzigtausend Menschen lernen am eigenen Leib, was Wasser anrichtet, wenn es keine Kreidefelsen trifft, sondern Lehmhütten. Die Targobank Stiftung fördert das eine. Welche Stiftung fördert das andere? Die Antwort steht täglich in den Hilfsaufrufen. Wir sehen sie. Wir wischen weiter.

Klima ist global, sagt die Wissenschaft. Bildung ist lokal, sagt die Förderpolitik. Katastrophen sind beides, je nachdem, wo man steht. Auf Rügen produziert man Content. Im Südsudan produziert man Vertriebene. Die Klimaforscher sagen, das hänge zusammen. Der Algorithmus sagt: das hänge nicht zusammen.

Was bleibt, ist eine Frage, die kein Sommercamp beantworten wird: Wenn die Klimakrise so unleugbar ist wie ein Kreidefelsen standhaft — warum braucht es erst das Hochwasser im Südsudan, damit wir unseren Blick vom Wald aufs Wasser richten?

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