, das die Kürzung trägt: experimentell
Man darf sich, wenn man diese Pressemitteilung liest, an jene Stunden in Genf erinnert fühlen, in denen Verhandlungen unter dem sanften Deckmantel der Sachlichkeit zu Ende geführt wurden — und am Ende eine Unterschrift fehlte, die niemand eingefordert hatte. Das Sparsame an der Sprache war stets der Vorbote des Strengen im Haushalt.
Die Centers for Medicare & Medicaid Services, eine Behörde im Department of Health and Human Services, haben diese Woche eine Regelung angekündigt, die Medicaid und das Children's Health Insurance Program (CHIP) künftig von der Finanzierung sogenannter geschlechtsverändernder Hormontherapien und chirurgischer Eingriffe an Minderjährigen ausschließt. Es handelt sich, so Administrator Dr. Mehmet Oz, um die konsequente Umsetzung einer Haltung, die bereits im Wahlkampf angekündigt worden war: „Kinder verdienen unseren Schutz, nicht experimentelle Eingriffe, die ernsthafte Risiken bergen und keinen nachgewiesenen Nutzen haben."
Es lohnt sich, bei diesem Wort zu verweilen: experimentell. Es ist das Wort, das eine Behörde wählt, wenn sie eine Leistung aus ihrem Katalog streichen will, ohne sie ausdrücklich zu verbieten. Es ist das Wort, das den Spalt zwischen klinischer Praxis und politischer Verfügung misst. Und es ist das Wort, mit dem sich ein Haushaltstitel sauber von einer ethischen Frage abgrenzen lässt.
Die Begründung, die CMS und HHS gemeinsam verbreiten, liest sich wie eine medizinische Stellungnahme und klingt doch wie eine Anklageschrift: Die Verfahren könnten zu irreversiblen Schäden führen — Unfruchtbarkeit, beeinträchtigte sexuelle Funktion, verminderte Knochendichte, veränderte Gehirnentwicklung. Das klingt nach Forschungsergebnissen und ist doch, genauer besehen, eine Aufzählung möglicher Risiken, wie sie in jeder Patientenaufklärung über schwerwiegende Hormontherapien Erwachsener stehen könnte. Die HHS unter Leitung von Secretary Robert F. Kennedy Jr. habe, so die Mitteilung, nationale und internationale Forschung gesichtet und dabei „signifikante Evidenzlücken" sowie „dokumentierte Sicherheitsbedenken" festgestellt.
Hier wird die Sprache feiner, als die Überschrift vermuten lässt. Was als „experimentell" etikettiert wird, ist seit über einem Jahrzehnt klinische Praxis in den Vereinigten Staaten, begleitet von Leitlinien medizinischer Fachgesellschaften, von Ethikkomitees, von Konsenspapieren, die selbstverständlich nicht unumstritten sind — die aber jene Verlässlichkeit beanspruchen dürfen, die eine staatliche Behörde normalerweise nicht eigenmächtig in „unzuverlässig" umdeutet. Eine endgültige Regelung, die Medicaid und CHIP die Mittel entzieht, ist keine klinische Neubewertung; sie ist eine haushaltspolitische Entscheidung, die sich einer klinischen Vokabel bedient.
Die Regelung lässt, und auch das gehört zur Mechanik solcher Verlautbarungen, einen Bereich ausdrücklich unangetastet: Psychotherapeutische Behandlungen bei Geschlechtsdysphorie und anderen Diagnosen bleiben unter Medicaid und CHIP weiterhin erstattungsfähig. Es ist die Geste, mit der eine Kürzung ihre Härte mildert und sich zugleich gegen den Vorwurf wappnet, psychische Gesundheit preiszugeben. Was bleibt, ist eine Versorgungslücke, über deren Breite die Behörde keine Aussage macht.
Dr. Mehmet Oz sprach von einer Entscheidung, die der Wissenschaft folge, den Steuerzahler entlaste und vor allem die Kinder schütze, „damit sie wirklich aufblühen können". Die Wortwahl — „follow the science" in einer Zeit, in der dieselbe Phrase von jeder politischen Richtung beansprucht wird — ist der unvermeidliche Refrain solcher Ankündigungen. Sie gehört zum Instrumentarium, wie das Lüften eines Saales zur Eröffnung einer Auktion gehört.
Was diese Mitteilung nicht enthält, sind Zahlen: Wie viele Minderjährige haben Medicaid-Leistungen für diese Behandlungen in Anspruch genommen? Welche Summen wurden ausgegeben? Welche Bundesstaaten hatten welche Programme? Ohne diese Größen bleibt die Regelung eine Demonstration politischer Prioritätensetzung — und ihre Begründung eine Sammlung möglicher Risiken, denen keine Häufigkeit beigeordnet ist. Die Evidenz, die eine Kürzung in diesem Umfang trüge, wäre eine andere als die, die ihre Begründung zitiert.
Die betroffenen Familien werden ihren Weg suchen müssen, in einem Land, in dem Medicaid bislang der größte einzelne Kostenträger für solche Leistungen war. Und das Wort „experimentell" wird weiterhin die Funktion erfüllen, die es immer erfüllt hat: Es erlaubt einer Regierung, eine Versorgung zu beenden, ohne sie zu verbieten — und sich dabei auf die Sprache der Wissenschaft zu berufen, als spräche die Wissenschaft für sich allein.
Sie spricht nicht für sich allein. Sie hat nie für sich allein gesprochen.
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