, Maybe, Maybe – Wenn Kategorien zur Ausflucht werden
In den Archiven des politischen Kinos herrscht Unordnung. Wer dort aufräumt, sollte Handschuhe tragen, denn die Akten sind nicht nur verstaubt, sondern mitunter verklebt mit Etiketten, die mehr verbergen als sie offenbaren.
Ein Text auf Naked Capitalism, verfasst von Satyajit Das, nähert sich dem, was gemeinhin als „politischer Film" etikettiert wird. Das ist bemerkenswert, denn Satyajit Das ist kein Filmkritiker. Er ist ein ehemaliger Banker, ein Autor, der Bücher über Derivate schrieb, über Finanzspekulation, über das, was er in einem seiner Titel „Phantomvermögen" nannte. Sein Lebenslauf, soweit er aus der vorliegenden Quelle hervorgeht, liest sich wie das Who is Who einer bestimmten Sorte von Sachwaltern des Kapitals: Traders, Guns & Money, Extreme Money, A Banquet of Consequences, The Everything Bubble – 2027 angekündigt. Dass ein solcher Mann über Kinematographie schreibt, ist an sich schon eine Nachricht.
Der vorliegende Text, so berichtet die Quelle, ist die Version einer erweiterten Version eines Stücks, das im Print des New Indian Express erschien. Es ist also bereits die dritte Veröffentlichungsstufe. Was im Original stand, was gekürzt, was ergänzt wurde, bleibt im Dunkel. Die Quelle selbst weist darauf hin – ein Akt journalistischer Redlichkeit, oder ein geschickter Hinweis, dass jede Zitation mit Vorbehalt zu genießen ist.
Das Argument, das in dem Essay entfaltet wird, ist auf den ersten Blick bestechend: Die Kategorie „politischer Film" sei eine bequeme Verlegenheitslösung der Kritik. Wo Genres sortiert werden, wo Listen erstellt werden, wo das Etikett „Political Drama" oder „Political Thriller" aufgeklebt werde, verhindere die Klassifikation die eigentliche Bewertung. Das zitiert Picasso und die Demoiselles d'Avignon, Das zitiert Borges und dessen Aufsatz Kafka and his Precursors aus dem Jahr 1951, und zwischen den Zitaten hindurch zieht er ein Netz, in dem sich die Frage verfängt: Was eigentlich ist ein politischer Film – und wessen Kasse füllt er?
Denn die Schattenseite, die hier betrachtet werden muss, ist die der Staatsfinanzen. Kinematographie wird gefördert, subventioniert, zugelassen oder behindert. Wer die Kategorie „politischer Film" definiert oder auflöst, definiert oder löst zugleich die Verantwortlichkeit derjenigen auf, die diese Filme bezahlen. Wenn nichts politisch ist im strengen Sinne, dann ist auch nichts politisch verantwortlich.
Die externe Bestätigung, soweit sie überhaupt existiert, zeigt, dass diese Diskussion nicht neu ist. Eine Untersuchung auf thesouthfirst.com, betitelt mit „On Cinema: Political Films from All The President's Men to The Manchurian Candidate", führt das Beispiel Taxi Driver an. Martin Scorseses Film aus dem Jahr 1976 über einen Vietnam-Veteranen mit Wahnvorstellungen wird dort als politischer Film verhandelt, „trotz eines unüberzeugenden Plots", wie der Verfasser einräumt, wegen der „mesmerisierenden", teilweise improvisierten Darstellung Robert de Niros. Die Aufnahme in eine solche Liste geschieht nicht trotz, sondern wegen der Inkohärenz. Wenn alles politisch sein kann, dann ist nichts mehr politisch im engeren Sinne.
Das New Republic seinerseits hat eine Liste der „100 Most Significant Political Films of All Time" veröffentlicht. Sie enthält Akira Kurosawas High and Low von 1963, einen Film über eine Lösegeldforderung, die an den falschen Empfänger gerichtet ist – das Kind des Chauffeurs statt das Kind des Verwaltungsrats. Die Aufnahme ist formal korrekt, weil der Film die Klassenfrage verhandelt. Aber die Bandbreite, die solche Listen abdecken müssen, ist so weit geworden, dass der Begriff seine Trennschärfe verloren hat. Hier liegt das Maybe, das im Titel mitschwingt, das „vielleicht" der unbewiesenen Behauptung, das die Verweigerung einer klaren Aussage tarnt.
Dass Das ausgerechnet All The President's Men von Alan J. Pakula als erstes Beispiel wählt, verdient Hervorhebung. Es ist ein Film über zwei Reporter, die eine Präsidentenlüge aufdecken, über die Mechanik der Macht, über die Frage, wie Wahrheit ans Licht kommt, wenn sie es überhaupt tut. Die Spiegelung ist kaum zufällig. Ein Banker, der über Aufdeckung schreibt, wählt einen Film über Aufdeckung. Ein Mann, der die unsichtbaren Ströme des Geldes kennt, interessiert sich für die sichtbaren Ströme der Wahrheit. Wer hier den Code nicht liest, hat das Spiel nicht verstanden.
Es bleibt, nach dieser Lektüre, ein Befund. Die These, dass die Kategorie „politischer Film" eine Verlegenheitslösung sei, ist plausibel. Sie ist auch gefährlich. Es ist die alte Bewegung: Zuerst wird umdefiniert, dann wird entwertet, dann wird vergessen.
Was hier nicht behauptet werden kann und was hier auch nicht behauptet werden soll: dass Satyajit Das im Auftrag irgendeiner Instanz schreibt. Was behauptet werden kann: dass uns eine einzelne Quelle vorliegt, deren Autor einen ungewöhnlichen Hintergrund hat, deren Veröffentlichungsweg verschachtelt ist, und deren Argument in eine Richtung weist, die der aufmerksame Leser nicht übersehen sollte. Jeder Satz, jede Behauptung, jede Zitation bedarf der unabhängigen Verifikation durch weitere Quellen, bevor sie publizierbar wird. Die Handschuhe bleiben an. Das Licht bleibt kalt. Die Tür zur Wahrheit ist einen Spalt geöffnet, aber niemand hat sie durchschritten.
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