Die 42-Prozent-Frage und die Mechanik der Verteidigung
Man kann die Pointe vorwegnehmen, weil sie in der Mechanik liegt und nicht in der Überraschung: Eine Partei, die in Umfragen bei zweiundvierzig Prozent steht, diktiert jeder anderen Formation im Raum die Tagesordnung. Das BSW, das Bündnis Sahra Wagenknecht, hat das in Sachsen-Anhalt zuletzt schmerzlich lernen müssen. Wer sich anschickt, Königsmacherin zu werden, der kann nicht länger so tun, als sei das Spiel um die Ministerpräsidentenfrage eine Fußnote. Der Spitzenkandidat der Partei hat denn auch, mit der Kühle eines Mannes, der die Rechnung bereits aufgemacht hat, öffentlich gefragt, wie er eine Formation außen vor lassen solle, die zweiundvierzig Prozent der Wählerinnen und Wähler hinter sich wisse. Die Frage enthält bereits die Antwort, und die Antwort enthält bereits eine Drohung.
Diese Drohung richtet sich nach mehreren Seiten. Sie richtet sich an die CDU, die seit Jahren so tut, als ließe sich die AfD durch Ignorieren aus der Welt schaffen. Sie richtet sich an die SPD, die sich in der Rolle der staatstragenden Vernunft eingerichtet hat und nun plötzlich staunt, dass die staatsräsonierende Vernunft nicht mehrheitsfähig ist. Und sie richtet sich, nicht zuletzt, an die eigene Klientel im BSW, die in interner Diskussion — der Correctiv-Recherche vom 16. Juni 2026 zufolge — genau jene Frage verhandelt, ob die Partei nicht an der eigenen Konsequenz zerbrechen werde, sollte sie einen AfD-Ministerpräsidenten tatsächlich mittragen. Der Tagesspiegel titelte in diesem Zusammenhang, die Brandmauer sei ausgefallen. Der Spiegel schrieb, das BSW wolle den Weg für einen AfD-Ministerpräsidenten freimachen. Drei Häuser, drei Bestätigungen desselben Befundes.
In dieses Vakuum hinein spricht nun der Freie Radiosender Corax, ein Sender, der schon von der Namensgebung her jene Haltung kultiviert, die das deutsche Mediensystem einmal Graswurzeljournalismus nannte, bevor der Begriff zur Beruhigungspille geriet. Corax, so berichtet der Sender selbst, will die These verbreiten, die AfD habe es darauf angelegt, das BSW zu zermürben. Das ist ein starkes Wort. Zermürbung ist ein Begriff aus der Belagerungsrhetorik; man zermürbt Festungen, man zermürbt Widerstandsnester, man zermürbt in langen Sommern die Geduld einer Regierung. Wenn ein Freier Sender diesen Begriff wählt, um die Taktik einer anderen Partei zu beschreiben, dann sagt er damit weniger über deren Taktik als über das eigene Vokabular.
Es ist deshalb notwendig, einige Dinge auseinanderzuhalten. Erstens: Dass es im Lager des BSW einen Streit über den richtigen Umgang mit der AfD gibt, ist durch die Berichterstattung von Tagesspiegel, Spiegel und Correctiv hinreichend dokumentiert. Man braucht keine Lesart hinter der Lesart, um diesen Streit zu erklären; die Mechanik der zweiundvierzig Prozent erklärt ihn vollständig. Zweitens: Dass die AfD ein Interesse daran hat, das BSW als Brücke zu nutzen, ist eine plausible Annahme, die in der Logik parlamentarischer Verhältnisse liegt und keines Senders bedarf, der das Wort Zermürbung in Umlauf bringt. Drittens: Eine einzelne Quelle, die zudem selbst der Sphäre nahesteht, auf die sie einwirken will, ist kein ausreichender Beleg für die Behauptung einer koordinierten Zermürbungstaktik. Wir notieren den Satz, wir prüfen den Kontext, und wir warten ab, ob die AfD ihn kontern wird.
Denn das ist die offene Frage, die derzeit durch die Räume von Magdeburg und Erfurt weht: Was sagt die AfD selbst? Bisher hat sie — und das ist bemerkenswert in einer Lage, in der jeder Laut wahrgenommen wird — keine Stellungnahme abgegeben, die das Wort Zermürbung aufgreift, zurückweist oder bestätigt. In der Politik ist Schweigen eine Sprache, die viele Dialekte kennt. Es kann das Schweigen der Überraschten sein, das Schweigen der Triumphierenden, das Schweigen derer, die noch nicht wissen, in welchen Mantel sie die nächste Woche hängen sollen. Wir wissen es nicht.
Wir wissen aber, was Corax sagt. Corax sagt, ich zitiere: „Das lassen wir nicht zu." Vier Worte, in der Grammatik der Empörung, die seit jeher am lautesten wird, wenn diejenigen, die sie aussprechen, am wenigsten über die Mittel verfügen, sie durchzusetzen. Vier Worte, die an die Adresse einer 42-Prozent-Partei gerichtet sind. Vier Worte, die auf eine Mechanik antworten, die mit Worten allein nicht zu beantworten ist.
Eine Partei kann sich weigern lassen, eine andere kann sich nicht weigern lassen. Die Mathematik der Urnengänge rechnet nicht mit Vokabular. Sie rechnet mit Zahlen, und die Zahlen, die das BSW derzeit vorlegt, machen eine Verteidigungsposition zwingend. Wer aus dieser Position heraus den Begriff der Zermürbung wählt, der wählt ihn als Mobilisierung, nicht als Beschreibung. Das ist sein gutes Recht. Aber es ist nicht Sache der Berichterstattung, Mobilisierung als Analyse zu verkaufen. Wir dokumentieren den Vorgang. Wir halten die Belege fest. Und wir warten, wie so oft, auf den nächsten Zug in einem Spiel, dessen Regeln gerade neu geschrieben werden.
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