Börse 1937
Terminal Tribune

13. August 2026

Dossier · Politik & Macht

Die Räumung des Münchner Salons

13. August 2026 — — Kastner

Man darf sich, wenn man die Depeschen des Morgens liest, an jene Abende im Völkerbund erinnert fühlen, an denen ein Delegierter nach dem anderen den Saal verließ, ohne dass am Ende jemand genau sagen konnte, wer eigentlich gegangen war und wer nur so tat. Nun verlässt München seine Leute. Rund achttausend, heißt es aus den Vorstandsetagen, die sich in dieser Woche zu Wort gemeldet haben. Bis Ende des Jahres 2027. So lange braucht ein Konzern, um sich selbst umzuschreiben.

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BMW, der letzte große deutsche Autobauer, der bislang nicht öffentlich an der Pforte geklingelt hatte, hat nun angekündigt, was die Konkurrenten bereits hinter verschlossenen Türen getan hatten: Stellen werden abgebaut. Achttausend, weltweit. Eine Zahl, die in keinem Geschäftsbericht glänzt und in keiner Bilanz stolz macht. Eine Zahl, die in der Sprache der Buchhalter als „Anpassung" figuriert, in der Sprache der Belegschaft als das, was sie ist.

Die Tagesschau vermeldet es in der distanzierten Ruhe eines Sprechers, der weiß, dass hinter jeder solchen Zahl ein Mittagessen weniger steht, eine Autofahrt weniger, ein Kinderzimmer, das irgendwann stiller wird. Die ZEIT spricht von einer Gegenstrategie, die hohe Risiken birgt — als seien Risiken jemals etwas anderes als das, was andere tragen, während die, die sie benennen, ihre Boni einstreichen. Die Produktion fragt nach den Kosten, die noch offen sind, als seien Kosten jemals offen, wenn Menschen sie tragen.

Es ist, wie immer, die Konkurrenz aus China, die als Begründung dient. Worte, die sich in den letzten Jahren so abgenutzt haben wie die Reifen auf der Autobahn, über die einst die Exportrekorde rollten. „Wenn du deinen Gegner nicht besiegen kannst", schreibt die ZEIT in einer Anspielung auf uralte Kriegsweisheit, „wird er dein Maßstab." Achttausend Arbeitsplätze werden nun zu diesem Maßstab. Eine elegante Linie, irgendwo zwischen Peking und Leipzig.

Was bedeutet es, der letzte zu sein? Es bedeutet zunächst, dass die anderen längst ihre Karten offen auf den Tisch gelegt hatten, dass man in Wolfsburg, in Stuttgart, in Ingolstadt die Zahlen längst nach oben korrigiert hat. Es bedeutet, dass München sich nicht mehr mit dem Argument schützen kann, man sei ja noch nicht so weit. Man ist nun so weit. Bis Ende 2027, so die Berichte, sollen die Positionen wegfallen. Was bleibt, ist die Architektur eines Konzerns, der sich selbst entkernt, während er nach außen noch das Logo poliert und den Kühlergrill mit jener Sorgfalt zeichnet, die einmal das deutsche Versprechen war.

Man darf sich fragen, wie diese Räumung verteilt sein wird. Man darf es, muss aber zugeben, dass die Antworten in den Bilanzen stehen, die noch nicht geschrieben sind, und in den Aufsichtsräten, die noch nicht getagt haben. Was wir sehen, ist ein Unternehmen, das seine Belegschaft reduziert. Was wir nicht sehen, sind die Schichten darunter: die Zulieferer, deren Aufträge schrumpfen, die Leiharbeiter, deren Verträge zuerst enden, die Regionen, deren Lohnsummen ein ganzes Stück deutscher Binnenwirtschaft mit sich ziehen werden.

Doch dies, muss man sich eingestehen, ist nicht mehr der Bericht. Dies ist das, was nach dem Bericht kommt, in den Kommentarspalten, in den Bars, in den Küchen derer, die am Montag ihre Kinder zur Schule bringen und am Abend die Nachricht auf dem Bildschirm lesen, die mit einem Hinweis auf ein „Gespräch" beginnt und mit einer Unterschrift endet.

Die Tatsache bleibt. BMW streicht Stellen. Achttausend, weltweit, bis Ende des Jahres 2027. Der letzte große deutsche Autobauer hat sich der Logik der anderen gebeugt. Man hat höflich applaudiert, vermutlich mit Handschuhen. Und das Schweigen, das folgt, ist es, das bleibt.

Vera Kastner schreibt für die Terminal Tribune aus dem Exil.

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