Kaliforniens leeres Versprechen: Wie Tech-Konzerne Schülerdaten ernten
Die Eröffnung im Schach ist keine Tugend. Sie ist Konvention. Man setzt sich ans Brett, man nennt die Figuren, man schiebt den ersten Bauern zwei Felder vor — und alles, was danach folgt, ist Mechanik. Wer die Mechanik entworfen hat, sagt die Eröffnung nicht. Sie sagt nur: Wir spielen jetzt.
Kalifornien hat versucht, seine Schüler zu schützen. Das war die Eröffnung. Ein Gesetz wurde geschrieben, Paragraph um Paragraph, mit dem ausdrücklichen Ziel, die Daten Minderjähriger aus dem Zugriff jener zu befreien, die mit Informationen besser Handel treiben als mit Ideen. Das Anliegen war, höflich gesagt, ehrenhaft. Die Berichte, die im Februar und im Mai 2026 erschienen sind, halten nun fest, was die Sorgfältigen bereits ahnten: Der Schutz, den man versprochen hatte, hält nicht. Nicht weil das Gesetz schlecht geschrieben wäre, sondern weil es von jenen gelesen wurde, die nicht gefragt werden mussten, was es verbietet. Sie haben die Lücken selbst gesucht.
Wer in Genf jemals einem Vertrag beiwohnte, der unterschrieben und nicht eingehalten wurde, der kennt das Muster. Es ist uralt. Man einigt sich auf die Form. Man lässt die Substanz offen. Später, wenn die Komitees sich zerstreut haben und die Übersetzer ihre Akten geschlossen haben, tritt jemand vor, der die offene Stelle nutzt — nicht im Geiste des Vertrags, sondern im Geist des Wettbewerbs. Die Tech-Konzerne, von denen hier die Rede ist, haben diesen Weg nicht erfunden. Sie haben ihn lediglich gut gepflastert.
Die Recherchen, auf die sich dieser Artikel stützt, sagen im Kern zweierlei. Erstens: Die kalifornischen Gesetze zum Schutz von Schülerdaten enthalten Lücken. Zweitens: Bildungstechnologie-Unternehmen haben diese Lücken genutzt, um Daten zu sammeln, zu verpacken und weiterzuverkaufen — trotz, nicht wegen der Regulierung. Project Censored dokumentierte dies im Mai 2026. CalMatters und das inzwischen dort eingegliederte The Markup hatten bereits im Februar darüber berichtet.
Was die Berichte nicht sagen, und was an dieser Stelle auch nicht behauptet werden soll, ist, wie diese Lücken zustande kamen, wer sie im Verfahren erkannte und welcher Mechanismus ihre Schließung verhinderte. Solche Fragen gehören in eine Ermittlung. Hier genügt die Feststellung: Das Versprechen und die Praxis liegen nicht in derselben Stadt.
Dass ausgerechnet jene Branche, die am lautesten von Datenschutz spricht, wenn sie ihre Konsumenten adressiert, in einem anderen Raum leiser spricht, ist keine Neuigkeit. Es ist eine Gewohnheit. Die vorliegenden Recherchen dokumentieren jedoch, dass die Gewohnheit hier nicht im Verborgenen stattfand, sondern im Rahmen des Erlaubten. Das ist der eigentlich beunruhigende Befund. Nicht der Skandal. Die Legalität des Skandals.
Man darf, wenn man gerecht sein will, den Firmen nicht unterstellen, was die Berichte nicht belegen. Man darf aber, wenn man präzise sein will, festhalten, dass eine Regulierung, die ihren Namen verdient, jene Schlupflöcher nicht enthalten dürfte, die in den letzten Monaten beschrieben wurden. Das offene Kapitel heißt daher nicht Strafe, sondern Gesetzgebung. Welche konkrete legislative Waffe fehlt, um diese Lücken endgültig zu schließen — das ist die Frage, die in Sacramento, in den Kanzleien der Konzerne und in den Redaktionen, die nachgefragt haben, noch offen liegt. Sie wartet auf Antworten.
Bis dahin gilt, was immer dann gilt, wenn Macht und Gesetzgebung aneinander vorbeigeschrieben haben: Die Schwächsten bezahlen die Rechnung. In diesem Fall sind es Kinder. Sie haben keine Lobby. Sie haben keine Anwälte. Sie haben, wenn überhaupt, eine Lehrkraft, die zwischen der nächsten Plattform und der nächsten Datenschutzfolie zu unterscheiden versucht. Das ist, mit Verlaub, kein Zustand, den man sich leisten darf.
Die Eröffnung ist gespielt. Das Brett liegt offen. Welcher Zug als nächstes kommt, hängt davon ab, wer die Lücken füllt — und wer sie weiter offen lässt.
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