Kapital zähmen — und niemand sagt, wie
Ein Satz steht im Raum, klar und apodiktisch, und wer ihn liest, möchte ihm beipflichten, bevor er die Mechanik vermisst. Die Zähmung der Macht des Kapitals, so heißt es, sei notwendig für eine ökologische Lösung. Notwendig. Wie ein Arzt, der ohne Diagnose die Therapie verschreibt. Wie ein Architekt, der den Grundriss zeichnet, bevor das Fundament steht. Wie ein Diplomat, der den Vertrag unterschreibt, ohne die Klauseln gelesen zu haben.
Die Forderung selbst ist nicht neu; was fehlt, ist ihre operative Form. Welche Hebel sollen bewegt werden? Welche Institutionen sollen welche Befugnisse erhalten? Welche Akteure werden profitieren, welche werden verlieren? Wer kontrolliert die Kontrolleure? Dies sind keine rhetorischen Fragen, denn ohne ihre Beantwortung bleibt der Imperativ ein leeres Versprechen, das sich jeder nach Belieben mit Inhalt füllen kann. Die Zähmung des Kapitals — das klingt nach Vertrag, nach klaren Grenzen, nach einem Zaumzeug, das sich anlegen lässt. Doch wer legt es an? Wer hält die Zügel? Und vor allem: welches Pferd?
Rob Urie hat in seinen Schriften eine Frage gestellt, die hier unausgesprochen mitschwingt und alles andere als rhetorisch ist: Wenn 100 Prozent der Produktionsmittel in westlichen Ökonomien von Arbeitern geschaffen wurden, warum gehört das Produkt den Finanziers statt denen, die es herstellten? Es ist die alte Frage nach der Verteilung der Profite, und sie verweist auf eine Grundstruktur, die sich nicht durch Appelle zähmen lässt. Die Macht des Kapitals ist nicht ein Exzess, der korrigiert werden könnte; sie ist das Betriebssystem der gegenwärtigen Ordnung. Ein Betriebssystem lässt sich nicht zähmen, es lässt sich nur ersetzen — oder eben nicht.
Die Geschichte der letzten Jahrzehnte liefert das Anschauungsmaterial, das jede wohlmeinende Forderung auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Bankenrettungen, politisch flankiert, haben nicht zur Zähmung des Finanzkapitals geführt, sondern zu seiner Vertiefung. Urie argumentiert, dass die Rettung der Banken unter Obama den Boden bereitete, auf dem eine Figur wie Trump wachsen konnte. Das ist kein Ereignis, das für sich steht; es ist ein Beleg für eine Mechanik. Wenn Kapital in Krisen gestützt wird, ohne dass seine politische Macht beschnitten wird, transformiert es sich nicht in ein dienendes Instrument, sondern in einen Akteur mit eigenen Bedingungen. Die Zähmung wird zur Selbsttäuschung.
Die ökologische Frage verschärft diese Mechanik, denn Umweltzerstörung ist die externalisierte Form von Profit. Wälder werden abgeholzt, weil der Ertrag auf dem Konto erscheint und die Kosten in der Atmosphäre verschwinden. Flüsse werden verschmutzt, weil die Reinigung Gewinne schmälert. Die ökologische Krise ist kein Betriebsunfall, sondern ein kontinuierliches Ergebnis der Logik, die das Kapital am Laufen hält. Wer die Externalisierung beenden will, berührt die Grundlage der Verwertung selbst.
Vor diesem Hintergrund wirkt die Forderung nach Zähmung wie ein Hilferuf in einem Raum, in dem niemand den Lichtschalter findet. Sie nennt weder die Institutionen, die bindend entscheiden könnten, noch die Sanktionen, die bei Nichtbefolgung greifen. Sie nennt nicht das Parlament, das die Regeln setzt, und nicht die Justiz, die sie durchsetzt. Sie nennt nicht das Maß, in dem Enteignung denkbar wäre, und nicht das Maß, in dem Mitbestimmung über Investitionen erzwungen werden könnte. Sie nennt nicht die internationalen Abkommen, die eine Flucht des Kapitals in juristische Freiräume verhindern könnten. Die Lücke im Text ist die Lücke in der Politik.
Was bleibt, ist ein Ruf nach dem Richtigen, der sich nicht entscheidet, was das Richtige ist. Die Zähmung des Kapitals wird so zur Metapher, die sich gegen ihre eigene Verwirklichung wendet. Wer die Macht zähmen will, ohne die Mittel der Macht zu benennen, hat keine operationalisierbare Forderung. Oder, nüchterner formuliert, er überlässt die Definition jenen, die über die institutionellen Mittel verfügen, sie zu formulieren. Die Erfahrung lehrt, dass dies in der Regel jene sind, die auch bisher formuliert haben.
Im Angesicht einer ökologischen Krise, die nach physikalischer und politischer Synchronisation verlangt, ist das Schweigen über die Mechanik gefährlicher als die Forderung selbst. Denn jede unbestimmte Forderung wird von denen gefüllt, die sie nicht hören wollten. Die Geschichte der unverbindlichen Imperative ist die Geschichte ihrer Vereinnahmung durch die Kräfte, gegen die sie gerichtet schienen. Männer haben gelächelt, während sie Verträge unterzeichneten, die sie nicht halten wollten. Die Zähmung des Kapitals, so wie sie derzeit formuliert wird, trägt die Handschrift solcher Zusagen.
Wer es ernst meint, muss das Wie sagen. Sonst wird das Warum zur Schmuckformel einer Ordnung, die sich selbst erhält, indem sie ihre Kritiker auf ihre eigene Unbestimmtheit verpflichtet.
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