Die unsichtbare Linie von Manchester nach Adana
In den Verträgen, die ich in Genf unterzeichnen sah, stand immer ein Wort ganz oben, das wie ein kleiner Schutzengel aussah. Es hielt die Lesenden sanft an der Hand und versprach, dass alles, was nun käme, im Zeichen der Vernunft geschehe. Das Wort, Sie ahnen es, lautete „Verantwortung". Die Plastikflaschen aus Manchester, die im Recyclingeimer eines britischen Haushalts liegen, tragen diese Verantwortung nicht in ihre Moleküle eingeschrieben. Sie tragen die Adresse eines Marktes, und diese Adresse führt nach Adana.
Eine Untersuchung der britischen Zeitung The Guardian hat in den Bewässerungskanälen der Çukurova-Ebene Mikroplastik in einer Konzentration gefunden, die jene an vergleichbaren Stellen flussaufwärts um das Zehnfache übersteigt. Die Çukurova, im Süden der Türkei gelegen, ist eine der fruchtbarsten Agrarlandschaften des Landes, reich an Baumwolle, Soja und Zitrusfrüchten. Sie ist heute der Hauptempfänger jenes Plastikmülls, den einst China aufnahm, bis Peking im Jahr 2018 die Einfuhr stoppte. Seither ist die Türkei zur ersten Adresse für den Plastikabfall der Europäischen Union und Großbritanniens geworden. Allein sechzig Prozent der türkischen Plastikimporte landen in Adana.
Die Zahlen, die diese Strömung begleiten, lesen sich wie das Inventar eines stillen Feldzugs. Großbritannien exportierte im Jahr 2025 insgesamt 675.000 Tonnen Plastikmüll, die höchste Menge seit acht Jahren; 139.000 Tonnen davon gingen in die Türkei. Die EU erhöhte ihre Exporte dorthin im selben Zeitraum um neunzehn Prozent auf mehr als 500.000 Tonnen. Deutschland war im selben Jahr mit 810.000 Tonnen der weltweit größte Exporteur von Plastikmüll. Dreizehn britische Unternehmen schickten zwischen Mai 2021 und Juli 2024 insgesamt 545 Lieferungen mit 52.000 Tonnen Haushalts- und Supermarktplastik in das Recyclinggebiet Kemal Deniz, weniger als eine Meile von den Auberginfeldern des Bauern Ayhan entfernt. Etwa dreizehn Prozent des britischen Plastikabfalls für die Türkei gingen in dieser Zeitspanne an acht Anlagen innerhalb der Recyclingzone von Adana. Es besteht, so die Analyse, kein Hinweis, dass diese Unternehmen illegal handelten. Sie genügen einer bestehenden Sorgfaltspflicht, die vorschreibt, dass das exportierte Plastik auf umweltverträgliche Weise verwertet werde.
Was umweltverträglich heißt, das lässt sich am Ufer des Kanals besichtigen, an dem Ayhan seine Auberginen erntet. Plastiktreibsel verfängt sich in den Schilfhalmen, und Ayhan sagt, was ein Landwirt sagt, wenn er den Verdacht hat, dass niemand zuhört. „Wir bekommen die Verschmutzung von allen Seiten hier", sagt er und meint die Recyclinganlage flussaufwärts ebenso wie eine Textilfabrik in der Nähe, deren Wasser er im Verdacht hat, dass es das seine versauert. „Der Kunststoff liegt am Ufer, und der Rauch kommt auf diese Weise." Im Januar, nach heftigem Regen, trat das Kanalwasser über seine Ufer und zerstörte sieben Hektar seiner Ernte. „Wir mussten neu pflanzen", sagt er. „Aber was können wir tun? Nichts. Nirgendwo kann man Klage erheben — niemanden kümmert es."
Der türkische Meeresbiologe Sedat Gündoğdu vom Istanbul Policy Center der Sabancı-Universität, der die Verschmutzung der Region seit Jahren beobachtet, sagt, dass viele der Recyclinganlagen ihr Abwasser unmittelbar in Kanäle und Bewässerungsgräben einleiten. Proben aus einem Kanal flussabwärts von Kemal Deniz, der an Ayhans Felder grenzt, zeigen die besagte zehnfache Konzentration an Mikroplastik im Vergleich zu flussaufwärts gelegenen Messpunkten. Der Zustrom hat die lokale Behandlungsinfrastruktur überwältigt und eine Welle illegaler Aktivitäten ausgelöst, vom wilden Ablagern bis zum offenen Verbrennen. Aufgegebene Halden nicht verwertbaren Plastiks werden verbrannt; die Schwaden ziehen über Wohnviertel und Felder. Ayhan berichtet, dass die grünen Treibhausfolien, die er alljährlich anbringe, bei der Demontage eine schwarze Schicht trügen, die aus den Abgasen dieser Anlagen stamme.
Was hier verhandelt wird, ist kein Naturereignis, sondern eine Architektur. Emma Hardy, damals britische Meeresministerin und Leiterin der britischen Delegation, äußerte sich „zutiefst enttäuscht", als die globalen Verhandlungen über ein Plastikabkommen zusammenbrachen. Großbritannien habe sich, so sagte sie, verpflichtet, „zu Hause und im Ausland" die Umwelt zu schützen und den Weg in eine Kreislaufwirtschaft zu ebnen. Es hat sich indessen nicht zu einem Ausfuhrverbot für Plastikmüll verpflichtet. Die Verhandlungen über das weltweite Abkommen sollen 2027 wiederaufgenommen werden. Bis dahin fehlt ein internationaler rechtlicher Rahmen, der Geber- und Empfängerländer gleichermaßen bindet; was bleibt, sind nationale Regulierungen, die an der Grenze enden.
Die Kosten dieser Architektur trägt, wer sie nicht entworfen hat. Auf den Verpackungen, die britische Ermittler in ärmeren Vierteln Adanas fanden, ist die Herkunftsadresse deutlich lesbar. Auf den Protesten der Anwohner und der Adana Ecology Platform steht auf den Bannern: „Plastikimporte sollten verboten werden." Die Stimme eines Bauern aus Adana ist in diesen Verhandlungen nicht vorgesehen. Die Handschuhe, die ich beim Schreiben trage, sind aus Leder. Sie halten die Kälte nicht ab, aber sie hindern mich daran, die Dinge zu berühren, die ich beschreibe. So bleibt, was bleibt: eine Linie auf der Karte, von Manchester nach Adana, entlang derer sich jährlich Hunderttausende Tonnen einer Ware bewegen, für die niemand haftet.
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