Ein Flüstern, kein Beleg: Wenn eine einzige Quelle den Taktstock führt
Es gibt Tage, an denen die Setzer in der Druckerei warten, die Korrektoren ihre Brillen putzen, und die Redaktion dasitzt wie eine Operngesellschaft ohne Programmheft. Heute ist ein solcher Tag. Uns liegt eine Meldung vor, getragen von einer einzigen Stimme, getränkt in das süße Gift der Anonymität. Mehr nicht. Ein Flüstern, das sich als Breaking News verkleidet, ohne den Mantel, den ein Breaking News tragen muss: zwei Quellen, ein Dokument, ein Widerschein aus dem Apparat, der die Behauptung stützt.
In Genf habe ich Verträge gesehen, die niemand unterzeichnen wollte, und Männer, die einem ins Gesicht lächelten, während ihre Hände bereits die Feder für das Gegenabkommen führten. Man lernt dort nichts Gutes über Quellen. Man lernt vor allem, dass eine Quelle, die allein spricht, keine verlässliche Quelle ist. Sie ist eine Stimme, deren Lautstärke nichts über ihre Tragfähigkeit aussagt. Der Artikel, den wir nicht bringen, ist genau deshalb heikel: weil er so leicht zu bringen wäre.
Eine unbestätigte Quelle, so nennen wir sie derzeit, mit der höflichen Distanz, die wir uns selbst schulden. Sie hat uns etwas erzählt. Die Erzählung ist plausibel. Plausibilität allein ist freilich die billigste Ware im Journalismus — billiger als Druckerschwärze, billiger als ein Händedruck am Rande einer Pressekonferenz. Plausibilität besagt nur, dass eine Aussage zu dem passt, was wir bereits zu wissen glauben. Das ist kein Wert an sich. Das ist ein Anfang, kein Ende.
Wir prüfen. Das ist, was wir tun, bevor wir veröffentlichen. Eine zweite Quelle ist das Minimum. Eine dritte wäre Anstand. Ein Schriftstück, eine Aktennotiz, ein internes Memo, ein Foto, eine Rechnung, ein Reiseprotokoll — irgendetwas, das unabhängig von der Erzählung existiert und nicht von der Stimme abhängt, die uns diese Erzählung angetragen hat. Solange dieses Etwas fehlt, bleibt die Meldung ein Gerücht in einem teuren Anzug. Wir ziehen den Anzug nicht an, nur weil er gut sitzt. Pressekonferenzen, Protokolle, öffentliche Register, Gegenstimmen aus den betroffenen Institutionen — wir gehen jeden möglichen Weg, bevor wir den Faden als belastbar anerkennen. Auch jene Wege, die unangenehm sind. Gerade jene.
Die Versuchung, jetzt trotzdem zu gehen, ist real. Breaking News zieht Klicks, Klicks bringen Einnahmen, Einnahmen halten die Maschine am Laufen. Die Mechanik kenne ich gut genug, um zu wissen, dass sie jeden Tag gewinnt, an dem die Redaktion müde ist. Ich kenne sie auch gut genug, um zu wissen, dass sie jene Redaktionen begräbt, die einmal nachgegeben haben. Eine einzige Falschmeldung, geboren aus einer einzigen, unbestätigten Quelle, vermag den Ruf eines Blattes für Jahre zu beschädigen. Ein ganzes Archiv wird dann zur Fußnote eines einzigen Satzes, den man nicht hätte drucken sollen.
Wir tun es nicht. Wir veröffentlichen nicht, was wir nicht halten können. Und wir halten es nicht. Solange die Quelle allein spricht, schweigen wir — nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus der sehr alten, sehr notwendigen Disziplin des Zweifels. Ein Zweifel, den keine Quote, kein Wachstumsdruck, keine noch so laute öffentliche Erwartungshaltung aufweicht. Wer jetzt von uns Wahrheit verlangt, soll uns zuerst Wahrheit liefern. Mindestens so viel, wie wir zu geben bereit sind.
Die Handschuhe bleiben an. Auch beim Schreiben dieser Zeilen. Denn man verbrennt sich leichter, wenn man den Stoff nicht prüft, aus dem ein Mantel geschnitten ist.
❖ Ende des Artikels ❖
