Der "alte Hut" und die Begriffsverwirrung
Die Pfeife glüht. Auf dem Schreibtisch: ein österreichischer Blog, ein Faktencheck, eine Kinderarzt-FAQ. Drei Dokumente, drei Geschichten über denselben Impfstoff. Dreißig Jahre habe ich Pipetten gehalten, bevor ich lernte, dass die gefährlichste Substanz im Labor die Behauptung ist.
Der Auslöser: Ein österreichisches Blog namens TKP.at veröffentlichte am 31. Mai 2026 einen Beitrag mit der These, die Massenimpfung von Kleinkindern gegen Grippe sei "völlig wirkungslos" — belegt durch Studien und Aussagen der US-Arzneimittelbehörde. CORRECTIV, das deutsche Kollektiv für Faktenprüfung, hat nachgemessen. Ihr Urteil in einem Tweet vom Juni 2026: Die Argumentation hält einem Faktencheck nicht stand.
Was war geschehen? Die TKP-Autoren zitieren Studien, die zeigen, dass die routinemäßige Grippeschutzimpfung von Kindern — und Erwachsenen — nicht mit einer Reduktion von Grippefällen in der Primärversorgung oder im Krankenhausbereich verbunden war. Das stimmt. Es ist, so der Blog selbst, ein "alter Hut". Und genau hier beginnt das Drama.
Diese Studien messen sehr spezifische Endpunkte: Arztbesuche, Hospitalisierungen, bestimmte diagnostizierte Fälle. Sie messen nicht die Vaccine Efficacy im engeren Sinne — also die Fähigkeit eines Impfstoffs, laborbestätigte Influenzainfektionen zu verhindern. Diese Wirksamkeit schwankt je nach Saison, Stamm-Match und Altersgruppe; in Metaanalysen liegt sie bei gesunden Kindern typischerweise zwischen 40 und 60 Prozent. Das ist kein Ruhmesblatt. Das ist auch keine Null.
Und hier kommt die Begriffsverwirrung, die Kinderaerzte-im-Netz.at seit Jahren klar adressiert: Die Grippeimpfung ist "gegenüber allen anderen grippalen Infekten völlig unwirksam". Grippale Infekte. Nicht Grippe. Der gewöhnliche Schnupfen, der Husten, das fiebrige Unwohlsein — die Mehrzahl der Atemwegserkrankungen, die Eltern im Winter zum Kinderarzt treiben, sind keine Influenzaviren, sondern Rhinoviren, RSV, Adenoviren, Parainfluenzaviren, ein Sammelsurium. Wer gegen Influenza impft, kann gegen diese Erreger nichts ausrichten. Das ist keine Enthüllung. Das ist Infektiologie im ersten Semester.
Was der TKP-Beitrag indes tut: Er verschiebt den Bedeutungsrahmen. Aus "wirkt nicht gegen grippale Infekte" wird "völlig wirkungslos". Aus "keine messbare Reduktion von Arztbesuchen" wird "die Impfung schützt nicht". Das ist methodisch unredlich — oder, milder formuliert, eine Verwechslung von Korrelation und Ausschluss. Die Pharmakologie lehrt uns etwas anderes: Ein Impfstoff ist nie "völlig wirkungslos" oder "völlig wirksam". Er wirkt gegen das, wogegen er gerichtet ist, in einer definierten Population, unter definierten Bedingungen. Die Influenza-Vakzine ist gegen Influenza gerichtet, nicht gegen den Winter als Ganzes. Wer das verwechselt, verwechselt Ursache mit Anlass.
Ich erinnere mich an die Maserndebatte der späten Neunziger. Damals hieß es, der MMR-Impfstoff wirke nicht gegen alle Kinderkrankheiten — als Beleg gegen die Impfung. Heute wissen wir: Masern sind nicht alle Kinderkrankheiten, und der Impfstoff wirkt gegen Masern. Das Argumentationsmuster ist so alt wie die Verwechslung.
CORRECTIV hält fest: Die zitierten Studien belegen nicht, was der Blog behauptet. Sie belegen eine schwankende, kontextabhängige, von Saison zu Saison verschiedene Wirksamkeit gegen laborbestätigte Influenza. Das ist ein Unterschied. Ein gewichtiger.
Was bleibt? Eine Debatte, die mit dem falschen Adjektiv geführt wird. "Völlig wirkungslos" ist keine wissenschaftliche Aussage, sondern eine rhetorische. Sie schließt jede weitere Prüfung aus. Wer so formuliert, will nicht diskutieren, sondern beerdigen. Die Wissenschaft aber bleibt bei den Zahlen — und die Zahlen sind weder null noch hundert.
Auf meinem Schreibtisch liegen drei Dokumente, die alle vom selben Impfstoff handeln und doch drei verschiedene Impfstoffe beschreiben. Was, frage ich mich, haben wir hier eigentlich geprüft — den Impfstoff, die Grippe oder den grippalen Infekt?
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