Wenn die Hitze kommt und die Pläne bleiben
Man schreibt das Jahr zweitausendsechsundzwanzig, und die deutschen Städte haben, so darf man hören, ihre Hausaufgaben gemacht. Es liegen Pläne vor. Es wurden Ziele formuliert. Es wurden, wie der Deutschlandfunk in diesen Tagen notiert, „bestehende Konzepte und Ressourcen für Hitzeschutzmaßnahmen analysiert und konkrete Ziele und Maßnahmen zur Verbesserung festgelegt". Die Länder und Kommunen, heißt es weiter, trügen die Verantwortung für die Umsetzung. Manche Städte seien schon weiter als andere. Diese letzte Wendung ist jene, die wir kennen — jene Floskel, die in deutschen Pressekonferenzen immer dann fällt, wenn das Bekenntnis vorhanden, die Tat aber noch ungewiss ist.
Denn wer im Sommer durch die Straßen einer deutschen Großstadt geht, wer über Asphaltplätze schreitet, die nachts ihre Wärme an die Schlafräume der oberen Stockwerke zurückgeben, wer unter geblätterten Bäumen steht, die als Stadtklimaanlage deklariert werden, der ahnt: Zwischen Konzept und Wirklichkeit klafft ein Spalt, breit genug, um eine ganze Generation von Bürgermeistern hindurchzulassen.
Die Ausgangslage ist hinlänglich beschrieben. Hitzewelle, Blitzdürre, Waldbrand — der klimareporter° reiht die Begriffe aneinander wie Perlen auf eine Schnur, und jeder dieser Begriffe verlangt nach einer Antwort, die kommunalpolitisch, kommunalrechtlich, kommunalfinanziell zu leisten ist. Hitzeschutz, so die einhellige Lesart, ist eine kommunale Pflicht. Doch Pflicht und Vollzug sind zwei verschiedene Sprachen, und in Deutschland spricht man sie selten zugleich.
Es ist das alte Lied, das hier gesungen wird. Man nehme ein Konzept, man schreibe es warm, man überreiche es der Presse mit dem Zusatz, man werde „konsequent handeln". Verschattung, die in mediterranen Metropolen längst selbstverständlich ist — große Sonnensegel, über die Straßen gespannt —, scheitert hierzulande, weil, wir zitieren gern, die Straßen zu breit sind. Es ist ein Satz, der für sich spricht, und er spricht von einer Realität, in der die Geometrie der Stadt jene der Vernunft überholt.
Man kann dies als Petitesse abtun. Man kann auch, und das ist die genauere Lesart, darin das Muster einer Generation erkennen, die mehr Papier produziert als Schatten. Der Deutschlandfunk, in der oben zitierten Bestandsaufnahme, lässt keinen Zweifel: Die Pläne sind vorhanden, die Ziele benannt, die Maßnahmen beschrieben. Was fehlt, ist zumeist das Geld, zumeist die Zeit, zumeist der Mut, Prioritäten zu setzen, die den Autoverkehr, den Einzelhandel, den ohnehin engen kommunalen Haushalt verstimmen könnten.
Da wären die Trinkbrunnen, die kühlen Räume, die öffentlichen Gebäude mit Klimatechnik, die Begrünung von Fassaden und Dächern, die Entsiegelung von Plätzen. All dies steht, irgendwo, in einem Konzept. Irgendwo zwischen Deckblatt und Anhang. Irgendwo zwischen dem Wunsch, als handlungsfähig zu gelten, und der Bereitschaft, die Kosten dieser Handlungsfähigkeit zu tragen. Die Correctiv-Redaktion, die das Thema unter dem Titel „Hitzeschutz in deutschen Städten: Zwischen Konzept und Wirklichkeit" aufgriff, hat diesen Spalt nicht erfunden, sondern nur benannt. Man darf ergänzen, mit der Höflichkeit, die das Thema verdient: Es ist nicht die Diagnose, die fehlt. Es ist die Therapie.
Natürlich gibt es sie, die vorbildlichen Inseln. Es gibt Stadtverwaltungen, die ihre Hausaufgaben ernst nehmen, die Brunnen installieren, die Plätze begrünen, die Luftbilder ihrer Stadtteile mit jener Sorgfalt lesen, die man von Katastrophenplänen kennt. Sie seien, wieder der Deutschlandfunk, schon weiter als andere. Man möchte hinzufügen: Sie sind auch sichtbarer. Die anderen, die nachziehen, die planen, die im Konzeptstadium verharren, bleiben unter dem Radar jener Berichterstattung, die das Gelingen sucht, nicht das Scheitern. Doch das Scheitern, es ist die Mehrheit.
Hitzeschutz, darin sind sich die meteorologischen Stimmen einig, die selbst zur Stelle sind, wenn das Wort konsequentes Handeln fällt, ist keine Aufgabe, die man in einem Sommer erledigt. Sie ist eine Haltung. Sie betrifft die körperliche Unversehrtheit, die Daseinsvorsorge, das Versprechen, dass der öffentliche Raum allen gehört — auch jenen, die keine Klimaanlage besitzen, die in Dachgeschossen leben, die sich keine Reise in den kühleren Norden leisten können.
Die kommunalen Spitzenverbände wissen das. Die Länder wissen das. Die Bundesregierung weiß das. Was man nicht weiß, ist, warum dieses Wissen, das inzwischen allgegenwärtig ist, sich so schwer in die gebaute Stadt ergießt. Vielleicht, weil die Kosten heute anfallen und die Wähler morgen entscheiden. Vielleicht, weil Hitzeschutz die unsichtbare Infrastruktur ist — man sieht ihn erst, wenn er fehlt. Und dann sieht man ihn sehr deutlich.
Die Sommer werden nicht milder. Die Konzepte werden nicht präziser. Die Wirklichkeit, sie bleibt, was sie ist: eine Stadt, die ihre Pläne in Archiven hält und ihre Bürger in der Hitze. Wir werden, so darf man erwarten, auch im nächsten Sommer lesen, dass manche Städte weiter sind als andere. Wir werden lesen, dass gehandelt werden müsse. Wir werden lesen, dass konsequentes Handeln notwendig sei. Die Handschuhe, man trägt sie auch beim Schreiben. Sie schützen vor dem, was man nicht mehr anfassen möchte.
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