Marsch, Pose, Kasse: Wie die Identitären Siegmunds Kampagne bebildern
Es gibt drei Bewegungen in diesem Geschäft, und sie folgen einander mit der Präzision eines Uhrwerks. Zuerst wird marschiert. Dann wird posiert. Dann wird kassiert. Was hier wie eine Beobachtung von außen aussieht, ist die nüchterne Aufzählung dessen, was sich derzeit vor unseren Augen abspielt — Schritt für Schritt, nicht weil jemand heimlich Befehle gibt, sondern weil die Kette ihre eigene Schwerkraft besitzt. Die Identitären produzieren Bilder. Diese Bilder landen im Wahlkampf von Ulrich Siegmund, dem AfD-Spitzenkandidaten in Sachsen-Anhalt. Was danach geschieht, ist die Frage, die noch offen im Raum steht — wie eine Rechnung ohne bislang sichtbaren Empfänger.
Man beginne beim Sichtbaren. Am Freitag fuhr Ulrich Siegmund auf den Brocken, den höchsten Berg des Landes. Die Berliner Zeitung beschreibt die Fahrt als das, was sie ist — eine Wahlkampffahrt. Begleitet von Parteimitgliedern und Unterstützern, gutes Wetter, passende Höhe. Es ist die Urform der Inszenierung: Natur als Kulisse, Aufstieg als Metapher, der Kandidat als Gipfelstürmer. Was wie ein Spaziergang aussieht, ist eine Einstellung für Kameras, die bereits bereitstehen.
Eine Aufnahme entstand in Egeln, ebenfalls Sachsen-Anhalt. Feuerwehrleute besuchten nach einem Einsatz den AfD-Stand des Kandidaten. Die Welt veröffentlichte das Foto: Handschlag, kurzer Plausch, gemeinsames Bild. Der Bürgermeister der Gemeinde, Michael Stöhr, sprach aus, was viele nur dachten — dass das zu weit geht. Uniformierte werden hier zur Requisite einer Kampagne, die sich nicht scheut, auch das Ehrenamt zu vereinnahmen. Beide Seiten beteiligen sich am Bild.
Die nächste Stufe ist die handwerkliche. Die Identitären verstehen das Gewerbe der Symbole. Sie wissen, dass Stoff trägt, was Papier nicht tragen kann. Die Zeit berichtet von einer Wahlkampf-Aktion, in der der Name Simson auftaucht — auf T-Shirts, auf Postern. Die Nachfahren der jüdischen Familie erklärten, geschockt darüber zu sein, dass ihr Name in Verbindung mit der AfD erscheint. Siegmund, so die Zeitung, ging über die Kritik hinweg und machte weiter. Hier wird aus Geschichte Versandware. Man nehme einen Namen, der niemals zur freien Verfügung stand, und drucke ihn auf Textilien. Die Empörung gehört zum Verfahren, sie erzeugt Reichweite, die Reichweite erzeugt das nächste Bild.
Und dann der Skandal, der als Skandal verkleidet in Umlauf gebracht wurde. Journalistenwatch dokumentiert eine Aussage Siegmunds zum Holocaust — er wolle diesen nicht pauschal als schlimmstes Verbrechen der Menschheit bezeichnen. Die Plattform spricht von einem "inszenierten Pseudo-Skandal". Ob man dieser Lesart folgt oder nicht: Das Muster ist dasselbe. Eine Aussage wird gemacht, sie wird aufgegriffen, sie wird verbreitet, sie wird in der Verbreitung selbst zur Ware. Auch das ist eine Form des Kassierens. Nicht in Geld, sondern in Aufmerksamkeit, die sich umrechnen lässt.
Was sich hier also vollzieht, ist keine vage Stimmung. Es ist eine Kette, deren Glieder sichtbar ineinandergreifen. Aufmarsch — Screenshot. Inszenierung — Ware. Empörung — Material. Jeder Schritt erzeugt das Rohprodukt für den nächsten. Die Identitären liefern die Rahmung; die Kampagne nimmt die Bilder entgegen, wie ein Großhandel die Lieferung annimmt. Was am Ende auf Plakaten, T-Shirts, Social-Media-Posts und Wahlständen steht, ist das Endprodukt dieser Verarbeitung.
An diesem Punkt beginnt die offene Frage, die in keiner der vorliegenden Quellen beantwortet wird — und die genau deshalb benannt werden muss, weil sie das einzig Folgenreiche ist. Die Bilder sind gemacht. Die Kasse hat geklingelt. Aber was geschieht mit dieser Mechanik nach der Wahl? Wird die Apparatur einfach abgebaut und eingelagert, bis sie wieder gebraucht wird? Werden die Demonstrationen des Sommers 2026 in ein Archiv sortiert, das zur passenden Gelegenheit wieder geöffnet wird? Oder — und das ist die unbequemere Frage — wird eine Lieferung dieser Art nicht durch einen einmaligen Wahlgang bezahlt, sondern dadurch, dass die nächsten Lieferungen bereits vorbereitet werden, während wir noch auf die Plakate der aktuellen Kampagne starren?
Man muss diese Frage nicht beantworten, um sie zu stellen. Sie steht im Raum, weil die Kette sichtbar ist und ihre Fortsetzung sich aus der Mechanik selbst ergibt. Was wir sehen, ist die Produktion. Was wir nicht sehen, ist der Lagerbestand für die nächste Produktion. Und solange dieser Lagerbestand im Dunkeln bleibt, ist jede Schlagzeile über Spitzenkandidaten und ihre Auftritte nur die Vorderseite einer Rechnung, deren Rückseite noch nicht ans Licht gehalten worden ist.
Vera Kastner schreibt für die Terminal Tribune. Zuletzt aus Genf, wo sie viele Verträge gesehen hat, die unterschrieben und nie eingehalten wurden.
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