Versenkte Schiffe, gesprengter Fels: Die Donau als Notstandsoper
Es gibt Sätze, in denen sich die Beschämung einer ganzen Volkswirtschaft verbirgt. „Kontrollierte Stilllegung" — so nannte Nuclearelectrica am Donnerstag jenen Vorgang, zu dem das Unternehmen am 13. August am Kernkraftwerk Cernavoda schritt. Kontrolliert, versteht sich. Weil nichts anderes blieb.
Reaktor eins war bereits im Juli vom Netz genommen worden. Reaktor zwei folgte nun. Romeo Urjan, der Direktor der Anlage, sprach gegenüber AFP von einer Wiederinbetriebnahme „in den nächsten zehn Tagen" — jener diplomatischen Zeiteinheit, in der sich Hoffnung und Verzweiflung die Waage halten, ohne dass eine Seite gewinnt. Die beiden Reaktoren zu je 700 Megawatt decken für gewöhnlich ein Fünftel des rumänischen Strombedarfs. Ihr gemeinsames Schweigen wiegt schwerer als jede Pressekonferenz.
Denn Bukarest hatte nicht untätig zugesehen. Man investierte mehr als zwei Millionen Euro in die Umlenkung des Stromes: ein Felsen wurde aus dem Flussbett gesprengt, vier mit Steinen beladene Frachtkähne wurden versenkt. Es ist dies das Bild einer Nation, die mit ihrer eigenen Geographie rauft — mit dem Werkzeugkasten der Wasserbauingenieure und der Verzweiflung der Energieplaner.
Die Flusspegel der Donau liegen nach einer am 10. August veröffentlichten Analyse des Klimabeobachtungsdienstes Copernicus in fast zwei Drittel des Verlaufs auf dem niedrigsten Stand seit 34 Jahren. Die Donau ist 2.850 Kilometer lang, sie verbindet den Schwarzwald mit dem Schwarzen Meer, sie versorgt zehn Anrainerstaaten mit Wasser, Strom und Schiffsfracht — und sie hat im August 2026 die Geduld mit jenen verloren, die glaubten, ihre Tiefe sei eine Konstante. Für Rumänien ist es die zweite Cernavoda-Stilllegung dieses Jahrhunderts; die erste war 2003, ebenfalls eine Dürre, damals noch eine Ausnahme, inzwischen ein Menetekel.
Was an die Stelle der Meiler tritt, ist ein Flickwerk aus Verlegenheit. Das Energieministerium sprach von „verantwortungsvollem Konsum" — einem der schönsten Euphemismen der jüngeren Pressesprache. Windkraft solle einspringen, Stromimporte aus den Nachbarländern, und als letztes Mittel eine abendliche Verbrauchsbeschränkung für industrielle Großabnehmer. Die Autobauer Dacia und Ford haben ihre Produktion bereits bis zum 19. August unterbrochen. So sieht im Hochsommer 2026 ein Fünftel der nationalen Stromversorgung aus: ersetzt durch importierte Megawatt und die Hoffnung, dass es nicht noch heißer wird.
Doch die Notstandsoper beschränkt sich nicht auf Rumänien. Am gegenüberliegenden Donauufer spielt Ungarn seine eigene Partie. Das Kernkraftwerk Paks — vier Reaktoren sowjetischer Bauart, ebenfalls donaugekühlt — produziert seit Ende Juli nur noch einen Bruchteil seiner Kapazität, gegenwärtig etwas mehr als zehn Prozent der 2.000 Megawatt. Premierminister Péter Magyar ordnete am Mittwoch den Bau eines versenkten Wehrs im Flussbett an und die Stationierung zweier 80 Meter langer Frachtkähne, die im Ernstfall als Wasserstaumauer dienen sollen. Paks deckt normalerweise ein Drittel des ungarischen Strombedarfs. Sein partielles Verstummen kommt einer nationalen Kraftanstrengung gleich.
An dieser Stelle wird die Frage unvermeidlich, vor der jede Regierung in Budapest und Bukarest die Augen verschließt: ob die enormen staatlichen Ausgabenverpflichtungen — die zwei Millionen Euro für gesprengte Felsen, die Frachtkähne, die versenkten Wehre, mittelfristig die Milliarden für Paks II und neue Reaktorenblöcke — nicht eine Wette auf eine Geographie sind, die längst verloren ist. Wer die Kühlung seiner Reaktoren einem Fluss anvertraut, der den Launen des Klimas unterworfen bleibt, hat die Natur nicht bezwungen, sondern nur einen Schuldschein auf sie ausgestellt. Die Zinsen, so lehrt der August 2026, werden in Megawatt und in gesprengten Felsen bezahlt.
Die alternativen Energieträger, die Bukarest derweil aufruft, sind nicht Schmuck, sondern Fundament — vorausgesetzt, man liest die Listen richtig. Windkraft lässt sich nicht auf Knopfdruck in eine Lücke von 1.400 Megawatt schieben; Importe hängen am Wohlwollen der Nachbarn; und „verantwortungsvoller Konsum" ist, diplomatisch gesprochen, das letzte Wort vor der Rationierung. Wer in diesem Sommer eine Lehre sucht, der findet sie an der Donau: zwischen gesprengten Felsen, versenkten Kähnen und der nüchternen Erkenntnis, dass kein Fluss eine verlässliche Konstante ist — und keine Energiepolitik es sich leisten kann, eine zu sein.
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