Wo keine Moschee steht, steht ein Sharepic
Es gibt Behauptungen, die wirken wie ein Test, den niemand bestehen muss, weil niemand prüft. Die Behauptung, Spanien wolle 5.000 Moscheen bauen lassen, ist eine solche. Sie kursierte ab Anfang Juni auf TikTok, erreichte rund 250.000 Aufrufe und wurde sowohl vor als auch nach den Migrationsbewegungen in die spanische Exklave Ceuta weitergetragen. Bei jeder Berührung mit der Wirklichkeit verliert sie ein weiteres Stück Substanz.
Was correctiv bei der Recherche vorfand, war vor allem eines: Stille. Die spanische Regierung antwortete auf die Anfrage nicht. Das spanische Justizministerium antwortete nicht. Die Islamische Kommission Spaniens antwortete nicht. Auf Deutsch, Spanisch und Englisch fanden sich keine Medienberichte über ein solches Bauvorhaben. Für ein Projekt dieser Größenordnung — mit Investitionskosten, die jeden kommunalen Haushalt sprengen würden — ist das Schweigen nicht rätselhaft. Es ist schlicht die Abwesenheit des Gegenstands.
Das Bild, das die Behauptung bebildern sollte, stammt von einer Facebook-Seite namens „Dekhlo", die nach eigenen Angaben in Pakistan ansässig ist. Sie versah den Beitrag mit dem Vermerk, er sei „zu Sensibilisierungs-, Bildungs-, Informations- und journalistischen Zwecken" veröffentlicht worden. Das Bild sei mit künstlicher Intelligenz erstellt und diene „lediglich als Referenz". Das ist die moderne Form des Kleingedruckten: ein Geständnis, das niemand liest.
Es lohnt, bei den Zahlen zu verweilen. Muslime machen laut einer Schätzung der Privatuniversität CEU Universidad San Pablo Anfang 2025 etwa fünf Prozent der spanischen Bevölkerung aus — 2,4 bis 2,5 Millionen Menschen. 5.000 neue Moscheen würden für diese Bevölkerungsgruppe eine Dichte bedeuten, die jeder demographischen Logik spottt. Die Zahl kommt nicht aus einer Planung. Sie kommt aus dem Instinkt eines Erstellers, der weiß, was sich verteilt.
Der TikTok-Account, der das Video verbreitete, war bereits zuvor mit einer Falschbehauptung aufgefallen. Man muss ihm zugutehalten, dass er konsequent ist. Auch die Anfrage von correctiv zu einer Stellungnahme blieb bis zur Veröffentlichung unbeantwortet. Das Bild rundet sich ab.
Was bleibt, ist das Phänomen selbst: Eine unbelegte Behauptung, ein KI-generiertes Bild, ein pakistanischer Account, ein zweiter auf TikTok, ein paar hunderttausend Aufrufe. Kein Masterplan, keine sichtbare Koordination, keine nachweisbaren Drahtzieher. Nur die Mechanik der Plattformen — und die Bereitschaft eines Publikums, das schneller teilt als liest.
Die Warnung, die correctiv mit diesem Fall verbindet, ist weniger spektakulär als die Behauptung selbst. Sie lautet: In einer Öffentlichkeit, in der das Fehlen einer Quelle kein Hinderungsgrund mehr ist, braucht es keine Erfinder mehr. Es genügen Vermittler. Was auf der Strecke bleibt, ist nicht die Wahrheit — die hatte ohnehin nie eine Chance, schnell genug zu sein. Was auf der Strecke bleibt, ist die Geduld, mit der man ihr hätte begegnen können.
Spanien schweigt nicht aus Berechnung. Spanien schweigt, weil es nichts zu sagen hat.
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