Die Babysitter-Lüge und Hunters Medienoffensive
Es gibt Gerüchte, die altern nicht. Sie werden lediglich heller, wenn man sie ans Licht hält. In diesen Augusttagen kursiert auf der Plattform X wieder ein Bild, das angeblich Jill Biden im Alter von fünfzehn Jahren neben einem dreißigjährigen Joe Biden zeigen soll. Der Unterton des Posts ist unmissverständlich. „Working class Joe. The only thing he worked over was the underage babysitter", heißt es dort. Dazu der Hinweis, die Babysitterin sei drei Jahre später, als sie volljährig wurde, seine zweite Frau geworden.
Die Faktenlage ist eindeutig. Snopes hat die Behauptung in diesem Sommer erneut geprüft und sie als falsch eingestuft – wie schon 2021 und 2025 bei vergleichbaren Wellen. Jill Biden wurde am 3. Juni 1951 geboren, Joe Biden am 20. November 1942. Die Altersangaben im viralen Post ergeben rechnerisch keinen Sinn. Das Paar lernte sich 1975 kennen, drei Jahre nach dem Tod von Joes erster Frau Neilia. Jill war damals Seniorin am College, keine Jugendliche mehr. Die Initialzündung war ein Blind Date, arrangiert von Joes Bruder Frank. „My brother said, 'There's this woman. You'll really like her, Joe.' So I gave her a call. And she had a date that night." So erzählte es Joe Biden später selbst in einem Wahlkampfvideo. Eine Meldung der Delaware Morning News vom 17. Juli 1977 trägt schlicht den Titel „Son told Joe to marry Jill" – ein Beleg, der so banal ist, dass er die Fantasie überfordert.
Man könnte es dabei belassen. Man sollte es aber nicht.
Denn während die einen das alte Gerücht wieder aus der Schublade ziehen, tritt die andere Biden-Generation ins Scheinwerferlicht. Hunter Biden, der Sohn, absolviert in diesen Wochen eine bemerkenswerte Medienoffensive. Auftritte bei NPR, im Podcast von Gavin Newsom, bei Don Lemon, bei „I've Had It", bei Barstool Sports, bei Ana Navarros Format „Bleep!" – die Liste liest sich wie ein Reisepass durch die Sendegebiete des Landes. Seine Mutter Jill hat das Treiben in einem Interview mit der Podcast-Moderatorin Jamie Kern Lima segensreich kommentiert. „I think now is Hunter's time to shine." Kern Lima, ganz Marketingberaterin, legt nach: „I can spot momentum a million miles away. There's something happening with Hunter Biden right now."
Hier berühren sich die beiden Stränge. Das eine ist das wiederverwertbare Gerücht aus den Tiefen sozialer Netzwerke, fabulierend über das Intimleben einer Familie, die seit Jahrzehnten im öffentlichen Raum lebt. Das andere ist die choreografierte Sichtbarkeit des Sohnes, der nach überstandenem Prozess, nach Memoiren und öffentlich benannter Suchterkrankung nun eine Bühne sucht, die sein Name allein nicht mehr trägt. Beide Phänomene werden in den gleichen Foren verhandelt, in den gleichen Algorithmen sortiert, in den gleichen Köpfen zusammengeführt.
Die Frage, die sich aufdrängt, ist nicht, ob die Babysitter-Lüge jemals wahr war. Sie war es nicht, das ist dokumentiert. Die Frage ist, warum ausgerechnet jetzt – im Spätsommer 2026, während Hunters Buchungen dichter werden und die Spekulationen über mögliche politische Ambitionen lauter werden – wieder dieses Foto, wieder diese Behauptung kursiert. Die Mechanik ist bekannt: Ein altes Narrativ wird reaktiviert, sobald eine Familie sich neu positioniert. Das Privateste wird zur Munition, das vermeintlich Öffentliche zum Vorwand.
Wer der Spur folgt, landet bei Snopes und bei der nüchternen Mahnung, solche Geschichten nicht als Klatsch abzutun, sondern als Indikator zu lesen. Der Babysitter-Post trägt die Handschrift gezielter Desinformation, wie sie in Wahlkampfzyklen routinemäßig auftaucht. Die Medienoffensive des Sohnes trägt die Handschrift einer Familie, die in der politischen Arena Kaliforniens und Washingtons sichtbar bleiben will. Beide bewegen sich im selben Kräftefeld, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Der eine Teil zerrt an der Vergangenheit, der andere schreibt an der Zukunft. In der Mitte steht eine Dynastie, die gelernt hat, dass Sichtbarkeit in Amerika kein Schicksal ist, sondern eine Entscheidung.
Es bleibt das Unbehagen. Ein Gerücht, das nicht aufhört. Ein Sohn, der nicht aufhört, sich zu zeigen. Eine Mutter, die sagt, es sei seine Zeit zu glänzen. Und ein Publikum, das zusieht, wie sich das Private und das Strategische in einem Land, das seine Mythen liebt und seine Fakten hasst, ineinander schieben. Wer sich ein eigenes Urteil erlauben will, kommt an Faktenprüfern wie Snopes nicht vorbei. Alles andere ist Beifang.
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