Europas große Geste, gesponsert von der Uhr
Barcelona empfängt am Samstag, den 4. Juli, das Peloton zur 113. Auflage der Tour de France. Einundzwanzig Etappen werden folgen, und mit ihnen die übliche Liturgie: Hymnen, Fahnen, das Versprechen, dass der Sport die Menschen zusammenbringe, die Politik es nicht vermag. Der Deutsche Radsportverband spricht es offen aus — diese Tour sei ein Symbol für die Einheit Europas. Man muss ihm zugutehalten, dass er den Mut zur Formulierung besitzt.
Denn die Inszenierung ist tatsächlich monumental: ein Grand Départ in Barcelona, eine Strecke durch mehrere Länder, Millionen Zuschauer an den Straßen, Milliarden an Werbeeinnahmen. Was auf der Bühne wie ein Fest der Völker aussieht, ist hinter dem Vorhang ein Joint Venture zwischen ASO, den Ausrichterstädten und einer Phalanx von Sponsoren, deren Logos inzwischen so selbstverständlich über die Bildschirme flimmern wie einst die Nationalfarben. Die Heilsversprechen sind bunt, die Rechnungen werden in Schweizer Franken, US-Dollar und britischen Pfund bezahlt. Wer das Correctiv-Archiv der vergangenen Jahre konsultiert, lernt dabei eines: Wer Ergriffenheit verkauft, hat meist schon vorher eine Rechnung aufgemacht.
In dieses Tableau tritt Tudor ein. Das Schweizer Team nimmt zum zweiten Mal an der Tour teil, diesmal mit einem achtköpfigen Aufgebot, das vom Weltmeister der Jahre 2020 und 2021, Julian Alaphilippe, angeführt wird. Mit Marc Hirschi und Yannis Voisard stehen zwei Schweizer im Kader; Stefan Küng kommt die französische Landesrundfahrt noch zu früh. Tudor, so heißt es offiziell, fokussiere sich auf Etappensiege. Hirschi soll als Ausreißer-Spezialist auf klassikerähnlichen Etappen glänzen, Voisard in den Bergen angreifen. Es klingt nach ehrgeiziger Bescheidenheit, ist aber vor allem eines: ein Eingeständnis der eigenen Größenordnung. Tudor ist nicht UAE, nicht Visma, nicht Jumbo in seinen besten Jahren. Tudor ist ein Unternehmen, das einen Veloboom auslösen will und dafür die Bühne Tour de France braucht.
Was dafür bezahlt wird, bleibt Geschäftsgeheimnis. Branchenkenner schätzen Hirschis Jahressalär auf mindestens 1,5 Millionen Franken — eine Summe, die den jungen Berner zum bestbezahlten Fahrer im einstigen Cancellara-Team macht und entsprechend unter Druck setzt. Die Frage ist also nicht, ob der Radsport den Kontinent eint. Die Frage ist, zu welchem Preis er ihn zusammenklebt. Und zu welchem Preis eine Mannschaft die Etappe als Bühne mietet, auf der sie ihre Investitionen in Reichweite und Wiedererkennungswert verwandelt.
Indes rollt die Maschinerie weiter. Beim Konkurrenten Decathlon führt der erst neunzehnjährige Paul Seixas das Aufgebot als Kapitän an — eine bemerkenswerte Personalentscheidung, die weniger nach sportlicher Logik als nach narrativer Dramaturgie klingt: das französische Ausnahmetalent als Aushängeschild einer Mannschaft, deren Namensgeber an jeder Supermarktkasse dieser Welt zu finden ist. Stefan Bissegger, viermaliger Tour-Teilnehmer aus dem Thurgau, wurde nicht berücksichtigt. Auch das gehört zur Geschichte, wenn auch nicht zur offiziellen.
Die Fans, so heißt es bei jeder Auflage, erlebten bei dieser Tour Anarchie und Freiheit. Man darf das Wort ergänzen: Konsumfreiheit. Die Werbung ist längst kein Beiwerk mehr, sondern der eigentliche Inhalt. Was als spontane Begeisterung am Straßenrand gefeiert wird, ist in Wahrheit eine choreografierte Ergriffenheit, deren Drehbuch in einem Pariser Bürohaus geschrieben wird. Barcelona selbst trägt das Erbe schwer. Vor zwanzig Jahren erschütterte die Operación Puerto um den spanischen Arzt Eufemiano Fuentes den Radsport. Die Veranstalter wählten den Startort dennoch, vielleicht gerade weil das Vergessen so viel Umsatz generiert.
Während die Männer durch Frankreich rollen, hat Antonia Niedermaier bei der Tour de France Femmes das Podium zur Halbzeit in Reichweite — eine Randnotiz, die zeigt, dass die spannendere Geschichte dieser Rennwoche womöglich nicht in den Pyrenäen, sondern im Frauenpeloton geschrieben wird. Die Tour, die der Verband als Symbol europäischer Einheit verkauft, behandelt diese Hälfte des Sports noch immer wie einen redaktionellen Anhang.
Es bleibt die Pose. Europa auf zwei Rädern, das gelbe Trikot als Staatssymbol, die Uhr im Vorprogramm. Wer genau hinschaut, sieht hinter der Ergriffenheit das ganz gewöhnliche Geschäft: Sichtbarkeit gegen Sponsoring, Pathos gegen Reichweite, Patriotismus gegen Klickrate. Das ist nicht zynisch gemeint. Es ist nur wahr.
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