Das Netz, das nichts trägt
Es war eine jener Nächte, in denen man in Deutschland begreift, wie dünn das Gewebe ist, auf dem der Alltag ruht. Am späten Dienstagabend, zur Stunde, da die Züge längst an ihren Endbahnhöfen sein sollten, geschah das schlichtweg Undenkbare: Nichts bewegte sich mehr. Die Deutsche Bahn hielt sämtliche Züge an, für rund zwei Stunden, auf dem gesamten Streckennetz, von Flensburg bis Garmisch. Ein planmäßiger Tausch einer technischen Komponente im digitalen Bahnfunksystem GSM-R, ein Vorgang, der nach allen Routinen der DB InfraGo reibungslos hätte verlaufen müssen, brachte den Verkehr zum Erliegen. Philipp Nagl, Chef der Infrastrukturgesellschaft, entschuldigte sich in aller Form. IT-Experten hätten pausenlos an der Entstörung gearbeitet, hieß es, mit Erfolg. Evelyn Palla, die Bahn-Chefin, sprach der Bild-Zeitung von einem Notfallsystem, das die Lage stabilisiert habe. Was genau geschah, welche Komponente versagte, warum ein routinemäßiger Eingriff ein ganzes Land zwei Stunden lang zum Stillstand brachte, blieb zum Zeitpunkt dieser Zeilen offen. Die Analyse, so Nagl, laufe.
Man möchte hier von einem Betriebsunfall sprechen, einem technischen Versehen im molekularen Aufbau einer ohnehin maroden Republik, doch die Wahrheit ist prosaischer und beunruhigender zugleich. Denn was am Dienstagabend auf den Schienen geschah, ist nur das lauteste Symptom einer Krankheit, die das Land seit Jahren durchzieht. In München, der Stadt mit den teuersten Mieten Deutschlands, zahlen Menschen Summen, die in keinem Verhältnis mehr zu dem stehen, was sie verdienen. Berlin verzeichnet derzeit einen leichten Rückgang bei den Angebotsmieten, und der Senat fordert Vermieter unmissverständlich zur Senkung auf. Man spricht von Mietpreisbremse, von Mietendeckel, von einem Markt, der sich längst von der Lebensrealität der Mehrheit entfernt hat. Wer in der bayerischen Hauptstadt einen Führerschein machen will, zahlt bis zu eintausendachthundertachtundzwanzig Euro mehr als in Berlin. Zwischen diesen beiden Städten, beide Hauptstädte ihrer Länder, beide Schaufenster der Republik, klafft eine Differenz, die kein Tarifvergleich der Welt mehr erklären kann. Es ist die Differenz zwischen einem Land, das seine Bürger noch ernst nimmt, und einem, das sie längst als Kostenfaktor führt.
Das Bundeskriminalamt meldet indessen einen deutlichen Rückgang bei den Schleusungen, einen Erfolg, den man feiern möchte und der doch nur die Kehrseite einer anderen Erzählung beleuchtet. Denn während die Schleuserquote sinkt, steigt etwas anderes, Schattenhafteres, das sich nicht in Statistiken einfangen lässt. Im Umfeld des Berliner Christopher Street Days, jener Demonstration, die seit Jahrzehnten ein Fest der Sichtbarkeit ist, kam es zu einem Anschlag, zu einer Gewalttat, die das gesamte Grundverständnis urbaner Sicherheit in Frage stellte. Ein bekannter Islamist wurde im Zuge der Ermittlungen identifiziert. Der mutmaßliche Täter, Abdul Ballout, wurde wenig später tot in einer Kleingartenanlage in Berlin-Spandau aufgefunden. Die genauen Umstände seines Todes sind Gegenstand laufender Ermittlungen. Islamistischer Terrorismus, so die einhellige Einschätzung der Sicherheitsbehörden, bleibt eine Gefahr für Europa, eine Bedrohung, die nicht an Grenzen haltmacht und sich nicht in Schubladen sortieren lässt.
Die Polizei kann den Beifahrer im Fahrzeug des Verdächtigen bislang nicht bestätigen, eine Aussage, die mehr Fragen aufwirft, als sie beantwortet. Wie konnte ein radikalisierter Gefährder über Monate, vielleicht Jahre, in einer deutschen Großstadt agieren, ohne dass die Behörden ihn konsequent zur Strecke brachten? Und vor allem: Wie kam er an seine Waffe? Diese Frage steht im Raum, unbeantwortet, beleuchtet von Pressekonferenzen, in denen Polizeisprecher ihre Worte mit jener Sorgfalt wählen, die Staatsanwälte das Fürchten lehrt. Man lobt die Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden, man verweist auf die Analyse des Bundeskriminalamtes, man spricht von Erfolgen bei der Schleusungsbekämpfung, und doch bleibt am Ende ein Rest, jener unauflösliche Widerspruch zwischen dem, was offiziell versichert, und dem, was tatsächlich geschehen ist.
Die deutsche Bahn verkehrt inzwischen wieder, mit vereinzelten Einschränkungen, wie das Unternehmen mitteilt, die Reisenden warten auf Informationen und Anschlusszüge, eine Stunde, zwei, drei, und manche fragen sich, ob dieses Land überhaupt noch funktioniert. Die Sonne scheint über München, wo die Mieten unerschwinglich bleiben, und über Berlin, wo der Senat die Vermieter zur Räson ruft, während in Spandau die Spurensicherung ihre Arbeit tut und in den Redaktionen die Frage kursiert, ob wir in einem Land leben, das seine Infrastruktur nicht mehr unterhalten kann, seine Wohnungen nicht mehr bezahlbar, seine Freiheit nicht mehr sicher. Die Antwort liegt irgendwo zwischen GSM-R und einer Kleingartenparzelle, irgendwo zwischen einem defekten Funkmast und einem Toten, der zu Lebzeiten hätte auffallen müssen. Wir werden es erfahren, oder auch nicht. Die Züge fahren wieder. Das ist, vorerst, alles.
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