Börse 1937
Terminal Tribune

21. August 2026

Dossier · Wissenschaft & Gesundheit

Das Waldritual als Indikator: Zehn Jugendliche, ein Messproblem

21. August 2026 — — Prof. Kessler

Zehn Jugendliche laufen barfuß durchs Laub von Mecklenburg-Vorpommern. Sie gehen mit verbundenen Augen durch den Wald, lauschen Kreidefelsen auf Rügen, produzieren ein ASMR-Video mit den Geräuschen des Nationalparks Jasmund und diskutieren am letzten Tag über Klimaangst. Am Ende stehen ein Instagram-Reel und ein Sommercamp, das sich selbst als mehr versteht als ein Mediencamp. Die Targobank Stiftung hat es bezahlt.

Zeitgenössische Anzeige (Illustration)
— Anzeige —

Lassen wir das einen Moment sacken. Ich zünde mir die Pfeife an, die in den Laboren dieser Republik nicht geduldet wird. Eine Bank fördert ein Klima-Sommercamp. Zehn Jugendliche aus verschiedenen Standorten der Jugendredaktion von Salon5 – einem anerkannten Träger der freien Jugendhilfe – treffen sich, üben sich im Waldbaden, lassen sich die Folgen des menschengemachten Klimawandels erklären, fahren Kayak auf dem Ryck, schwimmen, lesen am Strand, spielen Spieleabende. Dann sprechen sie über ihre Angst. Sie halten Statements fest. Sie gehen nach Hause als Freunde, die sich gefunden haben. Neue Freundschaften, erweiterte Perspektiven, ganz nebenbei journalistisch gearbeitet.

Was genau wissen wir danach?

Wir wissen, dass gesunde Wälder wichtig sind für Klima und Gesundheit. Das ist keine Erkenntnis dieses Sommercamps, das ist Biologie der gymnasialen Oberstufe. Wir wissen, dass Naturerfahrung dem menschlichen Wohlbefinden dient. Auch das ist nicht neu – die Japaner nennen es Shinrin-yoku, und die empirische Evidenz ist methodisch oft dünn, aber existent. Wir wissen, dass saubere Luft und gesunde Meere eine Grundlage für Gesundheit sind. Kreidefelsen garantieren das nicht.

Was wir nicht wissen: ob das Camp irgendetwas gemessen hat.

Die Correctiv-Eigendarstellung des Sommercamps liest sich wie eine Hochglanzbroschüre. Workshops, Diskussionsrunden, Produktion journalistischer Beiträge. Aber wo ist die Methodik? Zehn Teilnehmende – keine Kontrollgruppe, keine Vorher-nachher-Erhebung, keine validierten Skalen zu Klimaangst oder Naturverbundenheit. Die Statements zu Klima-Angst am letzten Tag sind anekdotisch. Sie sind öffentlichkeitswirksam. Sie sind keine Daten.

Und hier liegt das eigentliche Problem: Eine einzelne Quelle, die noch dazu von der durchführenden Organisation selbst stammt, kann das nicht leisten. Correctiv berichtet über das eigene Salon5-Programm. Das ist kein investigativer Missstand – das ist eine Eigendarstellung. Ein gut gemachtes, journalistisch ambitioniertes, mit umweltpädagogischem Workshop und geführter Wanderung, aber eben doch eine Eigendarstellung. Wer hat das bezahlt, wer hat widersprochen, was wurde nicht gemessen – drei Fragen, die bei dieser Quelle alle in dieselbe Richtung weisen.

Die systemische Frage ist dennoch berechtigt. Es stimmt: Jugendliche wachsen in einer Zeit auf, in der die Klimakrise als Zukunftsangst materialisiert wird. Es stimmt: Naturerfahrung – gerade für Stadtkinder – ist in Deutschland seltener geworden, als die meisten Erwachsenen vermuten. Wenn das Camp also mehr wäre als ein Erlebnispädagogik-Format, müsste es das auch belegen. Mit Zahlen, mit Vergleichsgruppen, mit einer Methodik, die den Namen verdient.

Tut es nicht.

Die Targobank Stiftung als Förderin wirft zudem eine Frage auf, die das Sommercamp nicht beantwortet. Banken fördern seit dem Nachhaltigkeitsboom Klima-Bildung – aus Imagegründen, aus Risikomanagement, aus wohlverstandenem Eigeninteresse. Das disqualifiziert das Engagement nicht. Aber es verlangt, dass man genauer hinschaut, wer hier welches Narrativ bedient. Wenn Jugendliche lernen, dass Klimaschutz und gesunde Wälder zusammengehören, ist das richtig. Wenn dieselbe Jugendliche lernt, dass dies finanziell von einer Bank gerahmt wird, ist das eine Lehrstunde in Komplexität, die das Camp nicht anbietet.

Ich habe zu viele Versprechen gesehen, die in Hochglanzbroschüren endeten. Zu viele Programme, die Wirkung behaupteten, ohne sie zu messen. Was bleibt, ist ein schöner Bericht. Ein Wald. Barfußlauf. ASMR. Eine Diskussion über Angst. Instagram-Reels und TikTok-Storys, die gehört werden müssen von jenen, die ohnehin zuhören. Und ein Sommercamp, das sich auf 2027 freut.

Wird aus Waldbaden Wissenschaft, wenn man es Workshop nennt, und aus Klimaangst ein Indikator, wenn man sie auf TikTok postet?

❖ Ende des Artikels ❖

Erwähnt in diesen Akten

Aus diesem Ressort