era, der Kumpel und das Kollektiv
Auf seinem Moped rollt Ulrich Siegmund über die Straße. Hinter ihm, in formation, hunderte AfD-Anhänger auf ihren Simsons. Epischer Elektro-Sound unterlegt das Bild, durchbrochen vom Knattern der Zweitakter. „Jetzt geht's richtig los", sagt der Spitzenkandidat der AfD Sachsen-Anhalt. „Guckt euch diese Bilder an." Man sollte sich diese Bilder ansehen. Sie sagen mehr, als der Kandidat in diesem Moment preisgibt.
Was hier wie ein spontaner Ausritt wirkt, ist das Ergebnis einer Produktion. Die Aufnahmen stammen vom sogenannten „Filmkunstkollektiv", einem Verein, dessen Kameraleute aus dem rechtsextremen Vorfeld kommen — insbesondere aus der „Identitären Bewegung". Das berichtet Correctiv in einer Recherche von Martin Böhmer vom 17. August 2026. Die Strategie, Siegmund als freundliches, volksnahes Gesicht der AfD zu inszenieren, hatte der Politiker bereits beim Geheimtreffen in Potsdam vorgestellt. Was dort als Konzept entstand, findet nun auf den Straßen Sachsen-Anhalts seine filmische Umsetzung.
Die Verbindung zwischen AfD und „Filmkunstkollektiv" ist keine Eintagsfliege. Seit Jahren begleiten die Kameraleute Siegmund und die Landespartei. Sie sind dabei, wenn sich die Landtagsabgeordnete Lena Kotré mit dem österreichischen Rechtsextremisten Martin Sellner zum „Remigration"-Talk trifft, wenn AfD-Chefin Alice Weidel und FPÖ-Chef Herbert Kickl gemeinsame Interviews geben, oder wenn Björn Höcke einen hundertminütigen Image-Film braucht. Die Accounts der AfD-Politiker, schreibt Correctiv, „wimmeln" von Verbindungen zum Kollektiv. Man darf sich fragen, was das Wort „wimmeln" hier genau meint — vermutlich nichts Zufälliges.
Auf dem Papier, so die Recherche, untersagt die AfD die Zusammenarbeit mit der „Identitären Bewegung". Über die Aufträge indes fließt Geld von der Partei ins rechtsextreme Vorfeld. Was das bedeutet, hat Correctiv präzise benannt: Die Aktivisten erhalten durch die Honorare neue Möglichkeiten. Sie filmen für die AfD an einem Tag und rollen „Remigration"-Banner an einem anderen aus, etwa in Ceuta. Die Trennung zwischen Parteipolitik und Straßenbewegung, die offiziell behauptet wird, ist in der Kameradrehliste nicht zu finden.
Johannes Hillje, Politik- und Kommunikationsberater, beobachtet die AfD und ihre Kommunikation seit Jahren. Seine Diagnose fällt klar aus: Das „Filmkunstkollektiv" sei eine „rechtsextreme Propagandafabrik". Der Verein stehe beispielhaft für die „Professionalisierung der PR- und Medienarbeit der rechtsextremen Szene". Was Hillje hier beschreibt, ist keine amateurhafte Selbstdarstellung mehr, sondern ein arbeitsteiliges System: Kamera, Schnitt, Verbreitung — alles in einer Hand.
Die Recherche dokumentiert eine Konstellation, die auf den ersten Blick nicht zusammengehört: Auf der einen Seite eine Partei, die sich bürgerlich gibt und die Zusammenarbeit mit der „Identitären Bewegung" offiziell untersagt. Auf der anderen Seite Kameraleute, die laut Correctiv aus diesem Umfeld stammen und über Aufträge der AfD bezahlt werden. Die Bilder, die dabei entstehen, zeigen ein Moped, einen lächelnden Mann, eine Handvoll Anhänger im Freundeskreis-Look. Was die Kamera nicht zeigt: die zweite Hälfte des Programms, das die Aktivisten an anderen Tagen verfolgen.
Siegmund steht beim Wahlkampfauftakt auf der Bühne. Er lächelt. Die Kameras surren. Es ist, so muss man es nennen, professionelle Arbeit. Nur eben nicht die, die sie zu sein vorgibt.
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