Börse 1937
Terminal Tribune

21. August 2026

Dossier · Politik & Macht

Geopolitik im Quartalsformat: Wer zeichnet hier eigentlich die Welt?

21. August 2026 — — Kastner

Zwei Häuser, ein Versprechen. CORRECTIV, jene Redaktion die sich den Investigativjournalismus auf die Fahnen geschrieben hat, verbündet sich mit KATAPULT, dem Magazin das aus der Überzeugung lebt dass sich die Welt vor allem in Grafiken begreifen lässt. Das gemeinsame Kind trägt den Namen PULTU und versteht sich als Magazin für aktuelle Geopolitik. Gegründet wurde es nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine. Man darf das als Geburtsstunde lesen, oder als Begründungsformel.

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David Schraven, Geschäftsführer und Publisher von CORRECTIV, formuliert die Aufgabe in jenem Tonfall der zwischen Mission und Marktteilung changiert: „CORRECTIV und Katapult wollen die Konflikte unserer Zeit sichtbar machen. In PULTU bieten wir die notwendige Orientierung in einer komplizierteren Welt." Es ist die alte Formel, neu verpackt: Sichtbarkeit und Orientierung. Man erinnert sich, dass dieselben Begriffe einst auf Wahlplakaten standen. Benjamin Fredrichs von KATAPULT sekundiert und spricht von einem „großen Erfolg" der es nun auf das „nächste Level" zu heben gelte — eine Wendung die in jedem Quartalsbericht eines Start-ups funktionieren würde, hier aber klingt als werde eine Weltlage in einen Geschäftsplan gepresst.

Wer aber soll diese Orientierung erhalten? Das Magazin erscheint vierteljährlich, das Abo kostet 72 Euro im Jahr, der digitale Zugang ist enthalten. 72 Euro sind kein Vermögen, aber sie sind auch kein Nichts. Sie sortieren das Publikum nach jenem feinen Sieb das überall in der Gesellschaft arbeitet: Wer kann es sich leisten, vierteljährlich vier Hefte ins Regal zu stellen, die ihm erklären wie die Welt funktioniert? Wer zahlt den Solidaritätsbeitrag freiwillig höher, damit andere Zugang erhalten? Und wer definiert eigentlich, wer sich das Angebot „sonst nicht leisten könnte"? Das Modell ist human, gewiss. Aber es ist auch ein geschlossenes. Wer nicht abonniert, nicht solidarisch ist und auch am Bahnhofsbuchhandel vorbeiläuft, bleibt draußen.

Die Redaktion verspricht, „gemeinsam erklären, was sich in der Welt tut, warum es passiert und wer die treibenden Kräfte hinter den großen und kleinen Konflikten rund um den Globus sind." Das ist ein hoher Anspruch, formuliert im Indikativ. Geopolitik jedoch ist kein Zustand den man in Infografiken stillstellt. Sie ist Bewegung, widersprüchlich, oft genug unlesbar. Karten helfen, sagen die Macher, gerade bei komplexen Entwicklungen. Gewiss, Karten helfen. Aber jede Karte ist bereits eine Entscheidung. Was wird beschriftet, was weggelassen? Welche Grenzen werden gezogen, welche Frontlinien nachgezeichnet? Wer legt fest, dass dieser Konflikt in Heft eins gehört und jener in Heft zwei? Die Grafik antwortet, indem sie vereinfacht. Sie ordnet die Welt, indem sie ihr eine Form gibt. Das ist keine Nebenwirkung des Formats. Es ist sein eigentlicher Auftrag.

Dass PULTU sich ausdrücklich auch an Menschen richtet die bislang wenig Berührung mit Geopolitik hatten, ist kein nebensächliches Marketingversprechen. Es ist die zweite, stillere Landnahme. Wer bisher nicht wusste wo Donezk liegt, soll es nun erfahren — aber ausgerechnet von jenen die den Konflikt in Druckfarben übersetzen. Man darf fragen, ob die Welt dadurch verständlicher wird, oder ob sie lediglich in das eigene Raster passt. Die Expertise des Recherchierens und die Expertise des Darstellens bündeln sich hier zu einer Maschine die sehr viel leistet — und genau deshalb lohnt es sich hinzusehen, was sie erzeugt. Nicht weil das Ergebnis schlecht sein muss. Sondern weil jede Maschine der Deutung ihre eigenen blinden Flecken hat. Auch in der Welt der Magazine gilt, was in Genf galt: Wer den Stift führt, bestimmt die Linie. Die Printausgaben liegen im gut sortierten Buchhandel. Wer kein gut sortiertes Regal besucht, bekommt sie online. So sortiert sich die Leserschaft selbst.

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