Kartelle wie ISIS — Die Sprache des Pentagon und die unsichtbare Rechnung
Man nehme einen Verteidigungsminister im olivgrünen Hemd, umringt von Soldaten, und einen Satz, der in der Pressekonferenz fiel wie eine Spielkarte auf den Tisch: „Anywhere you traffic drugs, or you threaten the American people or our partners, you are a target just like ISIS (Daesh) or Al Qaeda." Pete Hegseth, Secretary of Defense der Vereinigten Staaten, sprach diese Worte — und mit ihnen wurde ein Sprachraum betreten, in dem ein Verbrechersyndikat zur Streitmacht wird, ein Schmuggler zum Kombattanten, eine Lieferkette zur Frontlinie. Die Sprache, das lernt man in Genf, ist nie nur Sprache. Sie ist die Visitenkarte der folgenden Tat.
Was am 13. August 2026 vor Soldaten ausgesprochen wurde, ist die Ansage eines neuen Krieges — eines Krieges allerdings, der im Vokabular der Terrorbekämpfung geführt werden soll, während die Realität, die er adressiert, eine strukturelle ist. Das Jalisco New Generation Cartel, das Fentanyl in die Vereinigten Staaten importiert und Timeshare-Betrug betreibt, ist, in der nüchternen Sprache der Anklageschrift, organisierte Kriminalität. Es ist kein Kalifat. Und dennoch parallelisiert Hegseth — und tut es nicht beiläufig, sondern als Programm.
Die Parallelisierung hat Folgen, die sich bereits ablesen lassen. Washington hat in den vergangenen Monaten Boote in internationalen Gewässern angegriffen, angeblich Drogenboote, und ist dabei in die Kritik geraten, völkerrechtswidrig zu handeln. Das Seerecht, so sperrig es klingt, kennt eine scharfe Grenze zwischen polizeilicher Verfolgung und militärischer Vergeltung. Wer diese Grenze rhetorisch verschiebt, verschiebt sie nicht nur im Kopf. Er verschiebt sie in den Gewässern, im Raum der Einsatzprotokolle, in der Aktenmappe des Pentagon.
Was sich parallel — und im selben Zeitfenster — vor einem Bundesgericht in Nevada schloss, ist ein Fall, der die Mechanik dieses Krieges im Kleinen zeigt. Luis Alberto Osorio, ein Mann aus Elko, gestand am Freitag, zwischen April 2020 und dem vergangenen September einhundertvierzig Schusswaffen, Magazine und Munition erworben zu haben, um sie an Drogenorganisationen in Mexiko weiterzuverkaufen. Die Liste der Waffen liest sich wie das Register eines Feldzugs: Ohio Ordnance Works M2-SLR im Kaliber .50 BMG, Barrett M82A1 und Barrett M107A1, Antimaterialgewehre, konstruiert für das Niederschlagen von Fahrzeugen und leichten Stellungen. FN Herstal M249S in 5,56x45-Millimeter, FN Herstal SCAR 17S in 7,62x51-Millimeter. Es sind Waffen, die nicht für den Schutz eines Schmugglertransportes gebaut werden. Es sind Waffen, die auf eine Kriegswirtschaft deuten.
Osorio gestand zudem, in einem Bergbauunternehmen in Nevada Menschen ohne Aufenthaltsstatus beschäftigt zu haben. Ihm drohen bis zu siebzig Jahre Haft — wegen Strohmann-Kaufs, Waffenhandels, Beherbergung illegal Beschäftigter und einer Verschwörung zur Geldwäsche. Das sind die klassischen Anklagepunkte eines Organised-Crime-Falls. Es sind die Punkte, die eine Grand Jury versteht und ein Bundesrichter aburteilt. Es sind nicht die Punkte, die ein Marschflugkörper versteht.
Doch genau hier setzt der Bruch ein. Die Bundesanwälte in Nevada sprechen, durchaus sachlich, vom „direkten Stören der operativen Fähigkeiten dieser gefährlichen kriminellen Organisationen". Sigal Chattah, Erste Beigeordnete Staatsanwältin im Distrikt Nevada, formuliert es in der ihr eigenen Bürokratensprache. Jonathan Sherwin, stellvertretender Sonderagent der Homeland Security Investigations in Las Vegas, spricht von „militärisch stilvollen Feuerwaffen", die Gewalt schüren und Gemeinschaften auf beiden Seiten der Grenze bedrohen. Es sind die Sätze einer Behörde, die ihre Aufgabe kennt. Es ist nicht das Vokabular eines Kommandeurs, der ein Kalifat auslöschen will.
Und hier liegen zwei Erzählungen übereinander, die sich nicht mehr vertragen. Auf der einen Seite das FBI, das in West Virginia fünfunddreißig Beschuldigte in einer Drohnen- und Waffenoperation anklagt und eine landesweite Sommer-Initiative startet. Auf der anderen der Verteidigungsminister, der ein Kartell zur Dschihadisten-Miliz erklärt. Beide Erzählungen zielen auf dasselbe. Sie bedienen sich nicht desselben Instrumentariums, nicht derselben Rechtsgrundlage, nicht derselben Konsequenz.
Wer zahlt? Am Ende zahlt, wer nicht an den Verhandlungstisch gebeten wird. Die Gemeinden im mexikanischen Michoacán — Aguililla, die Tierra Caliente — zahlen mit ihren Toten. Die Fischer und Seeleute, deren Boote in internationalen Gewässern versenkt werden, zahlen mit ihrer Habe, wenn sie überleben, oder mit ihrem Namen, wenn nicht. Die Steuerzahler in Nevada zahlen mit den Prozessen, die nun, ausgestattet mit einer Homeland Security Task Force, in föderalen Sälen verhandelt werden — einer Task Force, die aus einer Exekutivanordnung des Präsidenten vom ersten Amtstag erwuchs.
In Genf, wo ich einst Verträge las, die niemand einhielt, lernte ich eine kleine Regel: Die gefährlichste Sprache ist jene, welche die Tat erlaubt, bevor sie eintritt. „Wie ISIS" — diese zwei Worte verschieben die Schwelle. Sie verschieben die Zuständigkeit vom FBI zum Pentagon, vom Richter zum Kommandeur, vom Haftbefehl zum Drohnenangriff. Sie tun es, ohne dass ein Kongress darüber abstimmt, ohne dass ein Tribunal befindet, ohne dass die Familien in den Hafenstädten je erfahren, warum ihr Sohn auf einem Boot saß und nicht im Hafen.
Die Welt spielt Schach, und der Minister hat seine Figur gezogen. Wer die Antwort geben wird, sitzt nicht in Washington. Er sitzt in einer Hütte in Tierra Caliente, deren Dach jetzt noch heil ist.
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