Minus 1,9 und die Stille dahinter: Merz verliert den Osten
Er kommt aus dem Westen, und das war einmal ein Versprechen. Friedrich Merz, Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, erreicht im neuen ZDF-»Politbarometer« der Forschungsgruppe Wahlen einen Wert von minus 1,9 auf der Sympathieskala — sein persönlicher Negativrekord, wie der Sender vermerkt. Ende Juli lag er noch bei minus 1,5. 75 Prozent der Befragten sind unzufrieden mit seiner Arbeit, 20 Prozent zufrieden. Eine Zahl, die sich wie ein Urteil liest.
Doch Zahlen sind höflich. Sie verschweigen, woher sie kommen. Die Sonntagsfrage zeigt: Wäre am kommenden Sonntag Bundestagswahl, läge die AfD bei 27 Prozent, CDU/CSU bei 22, die SPD bei zwölf. Eine Konstellation, die noch vor kurzem als Warnung galt; inzwischen ist sie Inventur.
Und genau hier beginnt die Frage, die das Politbarometer nur andeutet: Was geschieht mit einem politischen Versprechen, wenn die Menschen, an die es gerichtet ist, längst umgeschaltet haben? Dieselbe Umfrage weist aus, dass 64 Prozent der Befragten es schlecht finden würden, wenn die AfD nach den Landtagswahlen in Ostdeutschland einen Ministerpräsidenten stellen würde — während die AfD dort zugleich mit hohen Stimmanteilen rechnen kann. Die Ablehnung wächst, die Zustimmung an der Wahlurne wächst. Es ist das Paradox, das die politische Klasse gegenwärtig nicht aufzulösen vermag.
Man darf das nicht als Stimmung lesen. Man muss es als Struktur lesen. Die Menschen im Osten — nicht alle, doch genug, dass es die Karten neu mischt — haben in den vergangenen Jahren eine Folge von Versprechen erlebt, die im Akt der Aussprache bereits halbiert waren. Man erinnere sich an die Rente mit 63: 75 Prozent der Befragten sprechen sich gegen die von der Rentenkommission empfohlene Abschaffung aus, nur 20 Prozent finden sie richtig. Die schwarz-rote Koalition plant diesen Schritt. Die Basis ist nicht überzeugt. 80 Prozent der Befragten, darunter 67 Prozent der Unionsanhänger, glauben, dass die CDU nicht voll hinter ihrem Vorsitzenden steht. Für SPD-Chef Lars Klingbeil und Parteichefin Bärbel Bas sagen das 53 beziehungsweise 52 Prozent. Klingbeil liegt mit minus 0,6 selbst im negativen Bereich.
Was bedeutet das? Es bedeutet, dass die politische Mitte, gemessen an ihrer eigenen Führung, nicht mehr überzeugt, dass die Gefolgschaft mit ihr geht. Es bedeutet, dass das bürgerliche Lager jene Gewissheit verloren hat, die es über Jahrzehnte zusammenhielt: dass die eigene Stimme irgendetwas bewirkt. Wenn die Wirtschaft schrumpft, die Rente wackelt, die Sicherheit schwindet, dann bleibt das Argument der Mäßigung — Mäßigung als politische Tugend — eine Argumentation derer, die Mäßigung üben können. Wo die Lebenserfahrung eine andere ist, klingt diese Stimme dünn.
Zur Architektur des Versagens gehört auch, was Spitzenkandidaten im Osten offen aussprechen. Der AfD-Spitzenkandidat Holm sagt im Gespräch über eine rot-rote Tolerierung: »Das möchte ich mal sehen, dass die CDU-Basis da mitmacht.« Es ist ein Satz, der die Mechanik offenlegt: Bündnisse jenseits der eigenen Linie werden nicht an Inhalten gemessen, sondern an der Reaktion der Basis. Die CDU-Basis, so die unausgesprochene Prämisse, wird nicht mitmachen. Die Frage, was die Menschen im Osten erwarten, wird damit zur Funktion dessen, was die Basis im Westen zulässt.
Die Ironie — und Ironie ist hier ein neutraler Bericht — liegt darin, dass die Ablehnung einer AfD-geführten Regierung in Ostdeutschland mit 64 Prozent breit ist, die AfD in der Sonntagsfrage aber vorn liegt. Die Bürgerinnen und Bürger wollen offenbar, dass jemand anderes regiert. Sie wollen nur nicht unbedingt, dass es die sind, die sie wählen. Es ist, wenn man so will, das strukturelle Versagen eines politischen Narrativs, das seine Adressaten nicht mehr erreicht.
Boris Pistorius führt die Sympathieliste der Top Ten mit 1,3 an; Weidel bildet mit minus 2,5 das Schlusslicht. Es ist eine Konstellation, in der sich ablesen lässt, wer in der Bevölkerung noch verfängt und wer nicht. Verteidigung — als Thema — verfängt. Führung — als Geste — verfängt nicht.
Was bleibt, ist nicht ein Tiefpunkt, sondern ein Vakuum. Minus 1,9 ist die Zahl eines Mannes, der in den Charts steht, aber im Osten kein Echo mehr findet. Die Stille hinter dem Beifall ist das Argument dieser Umfrage — nicht ihr Lärm.
*Alle genannten Zahlen beruhen auf dem ZDF-»Politbarometer« (Forschungsgruppe Wahlen) und sollten vor Veröffentlichung durch correctiv verifiziert werden.*
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