Börse 1937
Terminal Tribune

22. August 2026

Dossier · Politik & Macht

Indian Point: Der Reaktor, die Rechnung und die Wahl

22. August 2026 — — Kastner

Manche Bühnen vergisst man nicht. Sie stehen am Hudson, schwer und grau, und senden seit Jahren kein Licht mehr — nicht, weil die Technik versagte, sondern weil die Politik es so wollte. Indian Point, das Kernkraftwerk im Dorf Buchanan, nördlich von Westchester, einst Lieferant von einem Viertel des Stroms dieser Region, stillgelegt im Jahr 2021 unter Gouverneur Andrew Cuomo. Seither, sagt der republikanische Abgeordnete Mike Lawler, seien die Stromrechnungen in New York um 58 Prozent gestiegen. Die Zahl steht im Raum wie eine Anklage, und sie wird nicht leiser, je öfter man sie wiederholt.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Lawler, der den 17. Kongresswahlbezirk im Hudson Valley vertritt — Rockland, Putnam, Teile von Westchester und Dutchess —, hat das stillgelegte Werk im März dieses Jahres gemeinsam mit US-Energieminister Chris Wright besucht und bei einer Pressekonferenz die Wiedereröffnung gefordert. „Es gibt keinen besseren Standort für Energieerzeugung im Hudson Valley als Indian Point", sagte er gegenüber der New York Post. Die Übertragungsleitungen stünden bereits, ungenutzt, eine Investition, die auf ihren Abnehmer wartet. Sein Wahlkampf hat aus dieser Forderung ein zentrales Versprechen gemacht: sauberer, kohlendioxidfreier Strom aus heimischer Quelle, eine Antwort auf die explodierenden Kosten, die den Wählern ins Haus flattern.

Die Demokratin Cait Conley, seine Herausforderin in dem Rennen, das das Cook Political Report als den einzigen echten Toss-up des Staates New York einstuft, hält dagegen. Bei einer Debatte habe sie gesagt, Indian Point sei „wahrscheinlich der Grund, warum ich nachts leuchte", und vor einem Sierra-Club-Forum die Wiedereröffnung als „dumm" bezeichnet. Lawlers Kampagne zitiert diese Sätze gern, hängt sie an die Wand wie Jagdtrophäen. Man ahnt, wer hier wen woran erinnern möchte.

Hinter den beiden steht Gouverneurin Kathy Hochul, die zum Zeitpunkt der Schließung Lieutenant Governor war und sich heute von der Entscheidung Cuomos distanziert: Sie sei „in Eile" getroffen worden. Gleichzeitig lehnt sie eine Wiedereröffnung ab. Das Klimagesetz, das im selben Atemzug verabschiedet wurde und New York auf einen ehrgeizigen Kurs erneuerbarer Energien festlegte, hat Hochul in diesem Jahr entschärft — aus Sorge, die grünen Auflagen könnten die Preise weiter treiben, just während sie selbst um die Wiederwahl kämpft. Es ist die klassische Geste der Politikerin, die das Haus, das sie geerbt hat, nicht abreißen, aber auch nicht betreten will.

Was an dieser Konstellation auffällt, ist weniger die Sache als die Choreografie. Ein stillgelegtes Kraftwerk, das ein Viertel einer Großregion versorgte, wird zur Wahlkampfkulisse. Der eine trägt die Rechnung vor, die andere das Misstrauen, die Dritte die vage Reue. Die Stromrechnungen der Bürger bleiben unterdessen, was sie waren: ein Fakt, der niemandem gehört.

Daneben verhandelt der Bezirk noch andere Dinge. Bei einem Kandidatenforum in Poughkeepsie vor der Dutchess County Chamber of Commerce sagte Conley plötzlich „Ja, im Prinzip" zu Zöllen, die sie zuvor Monate lang als „rücksichtslos" und „illegal" kritisiert hatte — gerechtfertigt, wenn überhaupt, dann als Instrument nationaler Sicherheit, nicht als „Bulldozer". Lawler, der sich selbst als moderater Republikaner inszeniert und die Nähe zu Präsident Trump pflegt, kommentierte die Kehrtwende mit dem ihm eigenen Understatement: „Ich bin nicht sicher, worauf sie mich dann ein ganzes Jahr lang angesprochen hat." Es ist eine kleine Szene, fast beiläufig, aber sie zeigt das Muster: Beide Seiten wechseln die Position, sobald das Publikum wechselt.

Conley, ehemalige Geheimdienstmitarbeiterin unter Präsident Biden, Veteranin der US Army und West-Point-Absolventin, trat aus einer überfüllten Vorwahl hervor, in der sie sowohl einen moderaten als auch einen progressiven Konkurrenten besiegte. Sie führt den Wahlkampf einer Demokratin, die ihren Bezirk kennt und die nationale Karte mitliest. Lawler wiederum sitzt seit 2023 im Kongress, gewann den Sitz 2022 gegen Sean Patrick Maloney, den damaligen Vorsitzenden des Democratic Congressional Campaign Committee, und wurde 2024 ohne Mühe bestätigt. Elf Polizeigewerkschaften — darunter die Police Conference of New York, die Rockland County PBA, die Port Authority PBA und der New York State Fraternal Order of Police — stellten sich vergangene Woche in der Haverstraw Elks Lodge No. 877 hinter ihn. „Ich werde immer hinter den Blauen stehen", sagte er zwischen Uniformierten. Mike O'Mara, Präsident der landesweiten Police Conference, sagte, Lawler „stellt meine Familie vor Verbrecher". Ob es bei dieser Unterstützung um Politik, um Personalfragen oder um beides geht, sagt das Protokoll nicht.

Was bleibt, ist ein Wahlkampf, in dem jeder Stein, den man aufhebt, einen anderen zeigt. Indian Point steht für ein Versprechen, das keiner vollständig schuldet und keiner vollständig einlöst. Conley wirft Lawler die Nähe zu Trump vor, Lawler wirft Conley die Nähe zur „radikalen Klimabasis" vor, Hochul hält sich an der Formulierung „in Eile" fest wie an einem Geländer. Die Wähler im 17. Bezirk werden im November entscheiden, wer die überzeugendere Stimme für eine Rechnung führt, die längst nicht mehr nur die Stromrechnung ist.

Am Hudson rauscht das Wasser weiter. Die Reaktoren bleiben kalt. Und die Bühne, auf der im Herbst gespielt wird, ist, wie so oft, eine, die alle kennen und niemand betreten will.

❖ Ende des Artikels ❖

Herangezogene Quellen — 4 abrufbare Quellen

4 Quellen · 0 davon belegt · 4 externe Belege · 0 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

Erwähnt in diesen Akten

Aus diesem Ressort