Die Akte Daszak: Angeblicher Pakt zur Unterdrückung der Lab-Leak-Theorie
Washington/London. Die Akten tragen das Gewicht von Blei. Gerichtsdokumente aus den Vereinigten Staaten werfen einem britischen Zoologen und einem hochrangigen amerikanischen Gesundheitsbeamten vor, sie hätten gemeinsam versucht, die Diskussion über einen möglichen Ursprung der Covid-19-Pandemie in einem Forschungslabor zu unterbinden. Der Vorwurf wiegt schwer — nicht weil er neu wäre, sondern weil er nun in schriftlicher Form vorliegt, datiert, zugeordnet, nachvollziehbar.
Im Zentrum steht Dr. Peter Daszak, britischer Zoologe und langjähriger Leiter der EcoHealth Alliance, einer Organisation, die Forschung an Fledermausviren in aller Welt finanziert und über Jahre hinweg auch mit dem Wuhan Institute of Virology kooperierte. Ihm zur Seite soll David Morens gestellt haben, ein ranghoher Mitarbeiter im US-Gesundheitsministerium, der als Berater und Sprachrohr in wissenschaftspolitischen Fragen über Jahrzehnte hinweg galt. Die Gerichtsdokumente, über die unter anderem die Daily Mail berichtet, zeichnen das Bild einer abgestimmten Kommunikationsstrategie — Korrespondenz, Hinweise auf öffentliche Stellungnahmen, gemeinsame Tonlagen gegenüber Journalisten und Fachkollegen.
Der Vorwurf im Kern: Statt eine offene Debatte über die Möglichkeit eines Laborunfalls am Wuhan Institute of Virology zuzulassen, sollen beide die Hypothese systematisch als Verschwörungstheorie gebrandmarkt haben. Eine Hypothese, die — und das ist der bittere Teil der Geschichte — mittlerweile von namhaften Wissenschaftlern und selbst von ehemaligen Regierungsvertretern nicht mehr ausgeschlossen wird.
Dass die Dokumente nun ans Licht kamen, verdankt sich einem juristischen Nachspiel. Im Zuge von Anfragen zur Rolle der Gesundheitsbehörden während der Pandemie wurden Kommunikationsverläufe offengelegt, die nach Darstellung der Klägerseite belegen sollen, wie die Linie gegen die Lab-Leak-Hypothese koordiniert wurde. Die Aussagekraft dieser Unterlagen ist naturgemäß umstritten — solange sie nicht vollständig öffentlich sind, bleibt jeder Schluss eine Vorfrage.
Die Vorgeschichte ist dabei beinahe lehrbuchartig. Schon im November 2023 hatte die Daily Mail über einen hochrangigen US-Gesundheitsbeamten berichtet, der es als „durchaus möglich" bezeichnete, dass China einen Forscher getötet habe, der im Verdacht stand, an Patenten gearbeitet zu haben, die später für die Sequenzierung von Coronaviren relevant wurden. Der Forscher sei vom Dach des Instituts in Wuhan gestürzt. Der Wahrheitsgehalt dieser Behauptungen ist bis heute nicht abschließend belegt.
Auch auf politischer Bühne verlief die Debatte mitunter gegen die offizielle Lesart. POLITICO berichtete im Juni 2021, ranghohe Beamte der damaligen US-Regierung hätten die Labor-Hypothese durchaus ernst genommen — darunter Mitarbeiter, die chinesische Quellen direkt auswerten konnten. Die Diskrepanz zwischen den Einschätzungen der Geheimdienste und der kommunizierten Linie der Gesundheitsbehörden wurde seinerzeit nicht aufgelöst.
Dass die Debatte nun, Jahre nach dem Ausbruch, wieder aufflammt, ist kein Zufall. Jonathan Turley wies kürzlich darauf hin, dass selbst eine führende Persönlichkeit der Biden-Administration im Zusammenhang mit Covid-19 mittlerweile die Labor-Hypothese nicht mehr ausschließen will — ein bemerkenswerter Kurswechsel, der in wissenschaftspolitischen Kreisen als Wendepunkt gilt.
Was bleibt, ist die nüchterne Bilanz eines Mannes, der zu viele Petrischalen gesehen hat: In der Wissenschaft entscheidet nicht die Lautstärke, sondern die Beweislage. Solange die Gerichtsdokumente nur als Vorwürfe vorliegen und nicht als vollständige Kette öffentlich verfügbarer Beweise, gilt das alte Prinzip — im Zweifel für die Daten, gegen die Gewissheit. Doch die Kartierung des Schweigens hat begonnen, und sie wird fortgesetzt.
Wer, so frage ich mich am Ende dieses langen Abends in meinem Pfeifenrauch, entscheidet eigentlich, welche Hypothese es wert ist, gehört zu werden — und welche zum Verstummen gebracht werden darf?
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