Das Gerücht aus dem Abgrund, allein auf weiter Flur
Manche Nachrichten kommen über Kanäle, die kein vernünftiger Mensch nachvollziehen könnte, wenn er nicht selbst dabei gewesen wäre. Diese kam über einen solchen. An einem Mittwoch, der sich wie ein Donnerstag anfühlte, in einer Stadt, die nicht diese ist und nicht jene, in einem Raum, dessen Wände mit Samt bezogen waren und dessen Fenster die Welt aussperrten. Eine Hand schob mir einen Zettel zu — nein, keine Hand; eine behandschuhte Hand, was die Sache nicht weniger rätselhaft machte, sondern mehr. Handschuhe, dachte ich, sind in diesen Kreisen keine Höflichkeit; sie sind ein Versteck.
Drei Zeilen. Eine einzige Behauptung. Keine Quellenangabe, kein Beleg, kein zweiter Name. Nur das Versprechen, dass, wenn die Stunde komme, mehr folgen werde. Ich nahm den Zettel, faltete ihn zweimal, steckte ihn in das Innenfach meiner Handtasche und vergaß für einen Moment, dass ich Journalistin bin und keine Diplomatin mehr. Oder vielleicht war ich nie keine gewesen — man trägt die alten Handschuhe nicht ab, nur weil man den Beruf gewechselt hat. Man trägt sie weiter, auch über die Finger einer anderen Tätigkeit hinweg.
Die Behauptung selbst ist von jener Art, die in den Korridoren der Macht kursiert, bevor sie in den Zeitungen erscheint — und oft gerade dann nicht erscheint, wenn sie erscheinen sollte. Sie betrifft, soviel darf ich sagen, ohne sie zu nennen, eine jener Verschiebungen, die in den Protokollen mit keinem Wort erwähnt werden, obwohl sie in jedem Absatz mitgedacht werden müssen. Es geht, wenn man den Schleier ein wenig lüftet, um eine Frage der Treue. Nicht der kleinen, privaten, sondern der staatlichen, der vertraglich besiegelten, der vor Zeugen geschworenen. Um eine Frage, die in den Akten als Petitum erscheint und in den Köpfen der Beteiligten als das, was man nicht ausspricht, weil es sonst wahr wird.
Hier, an dieser Stelle, muss ich innehalten. Denn was ich habe, ist nicht ein Bericht, nicht eine Akte, nicht das Stenogramm eines Gesprächs, das mitgeschnitten wurde. Ich habe einen Zettel, eine Handschrift, die mir unbekannt ist, und das Versprechen einer zweiten Quelle, die noch nicht gesprochen hat. Ich habe, mit anderen Worten, ein Gerücht. Nicht mehr, nicht weniger. Und ein Gerücht, das aus der politischen Versenkung heraufsteigt, ist wie ein Gerücht von anderswo: es kann wahr sein und belanglos, es kann falsch sein und folgenreich, es kann beides gleichzeitig sein, und gerade das ist die Gefahr — dass die Welt es behandelt, als wäre es das eine, während es in Wahrheit das andere ist.
Ich habe Verträge gesehen — in Genf, in Wien, an Orten, die ich nicht mehr besuche —, die nie eingehalten wurden. Ich habe Männern in die Augen geschaut, die lächelten, während sie logen. Ich weiß, wie ein Handschlag aussieht, der den Bruch besiegelt, und wie ein Lächeln aussieht, das den Krieg einleitet. Wer einmal eine Lüge aus nächster Nähe gesehen hat, erkennt sie wieder, auch wenn sie in den feinsten Zwirn gekleidet ist. Aber ich habe auch das Gegenteil gelernt: dass die Wahrheit, wenn sie unbequem wird, plötzlich wie ein Gerücht aussieht und behandelt wird. Beide tragen dieselbe Kleidung. Beide flüstern. Nur die Folgen unterscheiden sich, und die Folgen sind es, die uns zwingen, vorsichtig zu sein.
Die Frage, die sich jeder Leser stellen muss — und ich stelle sie mir selbst, mit derselben Schärfe, mit der ich sie jedem anderen stellen würde —, lautet: Warum gerade jetzt? Warum gerade ich? Und warum gerade diese eine Quelle, ohne Korroborat, ohne Bestätigung, ohne die Möglichkeit, das Material auf seinen Wahrheitsgehalt zu prüfen? Man kann diese Fragen nicht beantworten, ohne bereits zu viel zu verraten. Man kann sie nur stellen, und sie stehen lassen, wie man eine Tür offen stehen lässt, wenn man nicht weiß, ob man hineingehen oder hinausgehen soll. Wer antwortet, hat schon verloren — entweder die Quelle oder die Glaubwürdigkeit. Wer schweigt, hat vielleicht beides noch.
Mein Grundsatz war immer, und ich bin altmodisch genug, ihn nicht aufzugeben: nichts veröffentlichen, was nicht mindestens zwei voneinander unabhängige Quellen bestätigen. Diesen Grundsatz habe ich gebrochen, indem ich dies schreibe — und ich habe ihn nicht gebrochen, denn ich veröffentliche ja nichts als den Hinweis, dass es ein Gerücht gibt und dass es aus dem Abgrund kommt. Das ist die Grenze, an der ich stehe, und sie ist schmaler, als sie aussieht. Sie ist so schmal wie ein Absatz zwischen zwei Zeilen, in dem alles stehen kann und nichts stehen muss.
Die Handschuhe, die ich trage, seit ich das erste Mal in einem Saal saß, in dem über Krieg und Frieden verhandelt wurde, sind heute nicht mehr aus Leder, sondern aus Vorsicht. Ich lege sie nicht ab, wenn ich schreibe; im Gegenteil, ich ziehe sie fester an. Wer mit bloßen Händen schreibt, schneidet sich an den Rändern der Geschichte. Wer Handschuhe trägt, spürt den Stoff zwischen sich und dem, was er anrührt — und genau dieser Stoff ist es, der mich davon abhält, mehr zu sagen, als ich sagen darf. Die Handschuhe sind mein Schutz und meine Distanz; sie sind die Haut, die ich zwischen mich und die Tatsachen lege, damit die Tatsachen mich nicht berühren, bevor sie reif sind.
Soviel also: Es gibt ein Gerücht. Es kommt aus dem Abgrund. Es steht allein auf weiter Flur, ohne Begleitung, ohne Korroborat, ohne die beruhigende Wiederholung durch eine zweite Stimme. Mehr habe ich nicht. Mehr weiß ich nicht. Und vielleicht — wenn die zweite Quelle spricht, wenn das Versprechen eingelöst wird, wenn der Zettel sich als Anfang eines Dossiers erweist und nicht als Flugblatt einer interessierten Partei, die ihre eigene Wahrheit in die Welt setzt —, vielleicht weiß ich dann mehr. Vielleicht auch nicht. Vielleicht war dies alles, und die Stunde, von der die Rede war, kommt nicht.
Bis dahin bleiben die Handschuhe an. Die Tür bleibt einen Spalt offen. Und die Wahrheit, falls sie überhaupt in diesem Spiel vorkommt — zwischen den Verträgen, die nicht gelten, und den Worten, die nichts bedeuten —, wartet hinter einer weiteren verschlossenen Tür, deren Schlüssel mir noch niemand anvertraut hat. Ich werde ihn nicht suchen. Ich werde nur warten, mit offenen Augen und geschlossenen Händen, und mit dem Satz im Kopf, den mir einmal ein Mann sagte, dessen Namen ich längst vergessen habe und dessen Wahrheit ich nie vergessen werde: dass in der Politik nichts so gefährlich ist wie eine einzige Quelle, und nichts so mächtig.
❖ Ende des Artikels ❖
