Börse 1937
Terminal Tribune

24. August 2026

Dossier · Politik & Macht

Siebeneinhalb Milliarden, die kein Opfer sind

24. August 2026 — — Kastner

London spricht gern von Märkten. An diesem Donnerstag sprach der Markt besonders gern — von Barmherzigkeit nämlich, von Verantwortung, von einem mutigen Akt jener Gläubiger, die bereit seien, siebeneinhalb Milliarden Pfund Schulden zu streichen, nur um ein britisches Infrastrukturunternehmen vor dem Schicksal einer faktischen Verstaatlichung zu bewahren.

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Was sich am Donnerstag in den Londoner Finanzetagen zutrug, war, genau besehen, keine Barmherzigkeit. Es war ein Verhandlungsergebnis. Und Verhandlungsergebnisse haben die Eigenschaft, dass in ihnen jede Seite genau das bekommt, was sie vorher durchgesetzt hat — und die Öffentlichkeit das bekommt, was übrig bleibt.

Die Senior-Gläubiger von Thames Water, dem größten Wasserversorger Englands, haben ihren finalen Turnaround-Plan vorgelegt. Die Zahl, die in allen Meldungen auftaucht, ist 7,5 Milliarden Pfund. So viel Schulden sollen gestrichen werden, ein Drittel des Schuldenbergs von knapp zwanzig Milliarden Pfund, den das Unternehmen über die Jahre angehäuft hat. Im Gegenzug verpflichten sich die Gläubiger — man beachte das Wort — zu Investitionen in das Unternehmen. Sie verpflichten sich, es nicht in die spezielle Verwaltung fallen zu lassen, jene Sonderverwaltung, die in der britischen Gesetzgebung als de-facto-Verstaatlichung funktioniert und bei der am Ende der Steuerzahler die Rechnung erhält.

Es ist, mit Verlaub, ein bemerkenswertes Konstrukt. Die Gläubiger, die über Jahre hinweg Kredite an ein Unternehmen vergaben, das seine Schulden nicht bedienen konnte und seine Infrastruktur nicht unterhielt, bieten nun an, einen Teil dieser Kredite zu canceln — und gelten dabei als die Retter. Die Ratingagenturen hatten die Bonität des Unternehmens in den vergangenen Monaten drastisch gesenkt, CKI, der in Hongkong ansässige Investor, forderte lautstark eine Renationalisierung, weil der vorliegende Gläubigerplan zu riskant sei. Von diesem hohen Risiko ist nun, nach erfolgter Einigung, nicht mehr viel zu hören.

Natürlich: Hätten die Gläubiger nichts angeboten, wäre Thames Water in die Sonderverwaltung gerutscht. Die Regierung hätte übernommen, was vorher jahrelang unter privater Regie vernachlässigt wurde — die Rohre, die Kläranlagen, das Netz, das in jeder Regennacht Abwasser in die Themse spült. Die Sonderverwaltung ist, so liest man es immer wieder, der schlimmste Fall. Sie ist die nationale Demütigung. Sie ist das Eingeständnis, dass der Markt versagt hat.

Die Gläubiger bieten also eine Alternative. Sie sagen: Lasst uns die Schulden restrukturieren, lasst uns weiterführen, und wir bringen das Kapital mit, das Thames Water braucht. Eine Zwischenfinanzierung von bis zu drei Milliarden Pfund soll das Unternehmen über Wasser halten — im wörtlichen wie im übertragenen Sinne — bis Mai 2026. Eine Frist, die zufällig denselben Namen trägt wie das Unternehmen selbst.

Nun darf man fragen, und genau hier beginnt das Schweigen, das in solchen Plänen immer programmatisch ist: Was bedeutet diese Alternative für den Verbraucher? Für die Haushalte in London und im Südosten, die seit Jahren steigende Wasserrechnungen zahlen, während die Infrastruktur verfällt? Für die Kommunen, die mit überfluteten Kellern leben müssen, weil ein privater Betreiber seit der Übernahme durch ein internationales Konsortium die Investitionen unterließ, die ein funktionierendes Netz vorausgesetzt hätte?

Der Plan spricht darüber in der Sprache, in der solche Pläne immer sprechen. Er spricht von Verpflichtungen, von Zusagen, von einer langfristigen Lösung. Er spricht von einer Lösung, an deren Ende das Unternehmen weiterhin privater Kontrolle untersteht — privater Kontrolle allerdings, die sich, gemessen an den vergangenen fünfzehn Jahren, als nicht eben zuverlässig erwiesen hat.

Die Frage, die in der Berichterstattung eine bemerkenswert kleine Rolle spielt, ist die nach der Verifikation. Wir haben, Stand dieser Berichterstattung, eine Quelle. Eine einzige Quelle, über die diese Zahlen, diese Fristen, diese Verpflichtungen in die Welt gekommen sind. Die Financial Times berichtete zuerst, unter Berufung auf Insider aus dem Gläubigerkonsortium. Andere Agenturen griffen auf. Was wir lesen, sind Absichtserklärungen einer Gruppe, deren wirtschaftliches Interesse mit der Glaubwürdigkeit dieser Absichtserklärungen identisch ist. Wer prüft, ob die 7,5 Milliarden wirklich abgeschrieben werden? Wer prüft, ob die zugesagten Investitionen tatsächlich fließen? Wer kontrolliert, ob die Frist Mai 2026 hält?

Thames Water spielt Schach. Wir kennen die Figuren. Wir kennen das Brett. Die Frage ist nicht, ob das Spiel zu Ende ist. Die Frage ist, wer am Ende die Figuren vom Brett nimmt — und wer am Ende die Rechnung bezahlt.

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