Steinzeit-Versprechen und Zinsgewitter: Zwei Quellen, ein Schweigen
Manchmal sind es die Pausen, die die Wahrheit verraten. Nicht das, was gesagt wird, sondern das, was in der Stille davor und danach seinen Platz sucht.
Visegrad24, jener Nachrichtendienst, der sich so gerne als Vorposten einer freien Welt versteht, hat uns diese Woche mit einem Versprechen beglückt, das in seiner Kargheit an die dramatischen Plakate der Vorkriegszeit erinnert. Auf seinem Substack, der gemeinhin als Plattform für Eilmeldungen aus dem östlichen Europa dient, prangt ein einziger Satz: „Coming soon." Kein Datum. Kein Hinweis. Nur das Versprechen, dass etwas kommen wird — und die unausgesprochene Einladung, das Warten selbst als Information zu betrachten.
Was genau kommen wird, weiß zum Zeitpunkt dieser Niederschrift niemand. Nicht die Redaktion, nicht die Leser, nicht die Märkte. Wir wissen nur: Es wird kommen. Das ist, diplomatisch gesprochen, die schwächste Form der Verbindlichkeit und die stärkste Form der Erwartung.
Die zweite Quelle in unserem Konzert der Unschärfen ist da schon gesprächiger, wenn auch nicht unbedingt klarer. Auf Naked Capitalism, jenem Finanzblog, der sich die Nüchternheit eines Buchhalters und das Misstrauen eines erfahrenen Devisenhändlers zur Tugend gemacht hat, finden wir einen Text, dessen Überschrift uns bereits aufhorchen lässt: „Iran war, Bessent's fl..." — der Rest des Titels verschwindet im Editor, als hätte jemand den Vorhang halb heruntergelassen, bevor das Stück richtig beginnen konnte. Eine Anmerkung des Autors erinnert uns daran, dass der Beitrag noch unvollständig ist; er werde um acht Uhr EDT in seiner finalen Fassung vorliegen. Wir zitieren, was vorliegt.
Was uns der Autor dann mitteilt, ist von Belang. Da ist zunächst die Rede von einem Versprechen, das den Namen „Take Iran back to the Stone Age" trägt — eine Phrase, die in ihrer Brutalität so sehr an die Rhetorik der dreißiger Jahre erinnert, dass man unwillkürlich an die Reden denkt, die in jenem Genf gefallen sind, in dem man noch glaubte, mit Worten ließen sich Kriege verhindern. Die Enthüllung dieser Phrase, so erfahren wir, soll um dreizehn Uhr EDT stattfinden — ein Termin, der die Aufmerksamkeit des Marktes erzwingt, noch bevor der Inhalt bekannt ist.
Doch damit nicht genug. Der Text lenkt den Blick auf ein zweites Thema, das wie ein Schachzug auf dem Brett liegt: die Spannung zwischen dem Finanzministerium und der Federal Reserve. Die Zinsen am langen Ende der Treasury-Kurve, so die Analyse, seien höher, als sie sein müssten — und die Fed habe die Mittel, etwas daran zu ändern, wenn sie nur wollte. Das Finanzministerium hingegen arbeite, so der Autor wörtlich, „at cross-purposes with the Fed", die ihrerseits geneigt sei, die Zinsen anzuheben. Eine solche Konstellation, so die Warnung, könne Investoren nervös machen — und Nervosität führe zu höheren Zinsen.
Hier wird die Partie interessant. Denn die Behauptung, fünf Prozent seien historisch betrachtet kein hoher Zins, öffnet den Blick auf jene Jahrzehnte, in denen Anleihen von Versorgern mit dreizehn oder fünfzehn Prozent verzinst wurden — Zeiten, in denen „Death of Equities" nicht nur ein Schlagwort war, sondern die Realität einer ganzen Generation. Diejenigen, die sich noch an die Baisse der siebziger Jahre erinnern, an den langen Weg der Kurse zurück zu ihrem Vorkrisenniveau, der erst in den fünfziger Jahren endete, wissen, wovon die Rede ist.
Die Warnung, die der Autor ausspricht, ist keine der Hysterie, sondern eine der Mathematik. Er stellt ausdrücklich fest, dass es nicht darum gehe, ob die US-Bundesregierung in eine Finanzierungskrise stürzen werde. Es gehe vielmehr um die Frage, welche Unternehmen und welche Anleihen als erste unter die Räder kommen, wenn die Zinsen steigen. Die sichersten Anlagen, die Treasuries, seien die letzten, nicht die ersten, die fielen.
Die Dollar-Hysterie, so fährt er fort, sei fehl am Platze — was nicht heißen solle, dass der Dollar nicht fallen werde, wenn die US-Aktienmärkte oder der Private-Credit-Markt ins Wanken gerieten. Als Beispiel dienen das Platzen der Dotcom-Blase und der unmittelbare Fall des Dollar nach der Ankündigung der sogenannten „Liberation Day"-Zölle durch den Präsidenten — ein Rückzug ausländischer Investoren aus Dollar-Werten, der erst teilweise wieder rückgängig gemacht wurde, als die Zölle, wie der Autor es formuliert, „TACOs" — also „Trump Always Chickens Out" — ihre Schärfe verloren.
Dann, fast beiläufig, fällt eine Zahl, die in ihrer Nüchternheit bedrohlicher ist als jede Prophezeiung: Der Markt für Private Credit habe ein Volumen von drei bis dreieinhalb Billionen Dollar. Der Subprime-Markt vor 2008 habe je nach Abgrenzung zwischen 1,3 und zwei Billionen betragen — bei einem damaligen US-Bruttoinlandsprodukt von rund 14,5 Billionen Dollar gegenüber 32,5 Billionen heute. Die relative Größenordnung, so die Andeutung, sei vergleichbar. Der Text bricht hier ab, mit einem Wort, das wie ein Versprechen klingt: „However, we ex..."
Was bleibt, ist das Bild zweier Quellen, die einander ergänzen, ohne sich zu widersprechen. Die eine schweigt, die andere redet — und beide sind Teil desselben Spiels. Wir wissen nicht, was Visegrad24 uns noch erzählen wird. Wir wissen aber, dass die Partie bereits eröffnet ist, auch wenn der nächste Zug noch im Dunkel liegt.
In Genf, wo ich einst Verträge habe scheitern sehen, habe ich eines gelernt: Die gefährlichsten Dokumente sind jene, die noch nicht geschrieben sind. Und die gefährlichsten Versprechen beginnen mit drei Worten. Man braucht Handschuhe, um sie anzufassen.
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