Das Zappen und die Pipeline — Tariffe als Vorhang, Öl als Geschäft
Die Pause war präzise gesetzt: drei Stunden vor Inkrafttreten der Zölle, am späten Dienstagabend, gab Donald Trump bekannt, was ein Dreitagetelegramm werden sollte. Bis zum 21. August pausierten die 50 Prozent Strafzoll auf kanadische Waren, etwa zwanzig Milliarden Dollar Umsatz — Hockeyausrüstung, Alkohol, Milchprodukte. In dieselbe Mitteilung schob er einen Halbsatz, der wie ein Versprechen klang und wie ein Befehl sich las: Die Pipeline Keystone XL, sagte er in sozialen Medien, möge „aus dem Grab erweckt werden".
Auf der anderen Seite des Tisches stand Mark Carney, Kanadas Premierminister, und sprach von „substantiellen Fortschritten". Das Weiße Haus veröffentlichte keine Einzelheiten. Das Büro des US-Handelsbeauftragten verwies auf „breiteren Marktzugang für amerikanische Güter" und „Verpflichtungen zur wirtschaftlichen Sicherheit". Vage Sätze, in denen sich vieles unterbringen lässt.
Wer den Blick vom Hockeyschläger hebt und auf die Energieinfrastruktur richtet, sieht ein anderes Bild — eines, das bereits vor dieser Woche seine Konturen angenommen hatte. Denn das, was nun als mögliche Wiederbelebung von Keystone XL verhandelt wird, ist zu wesentlichen Teilen längst im Bau.
Im April dieses Jahres erteilte Trump eine präsidiale Genehmigung an Bridger Pipeline, die das Unternehmen ermächtigt, Anlagen an der kanadisch-amerikanischen Grenze in Montana zu errichten und zu betreiben. Die Genehmigung umfasst Rohöl, Kerosin, Benzin und Diesel. Auf kanadischer Seite bereitet die South Bow Corporation die Prairie-Connector-Trasse vor: rund 380 Kilometer neue 36-Zoll-Pipeline, dazu etwa 150 Kilometer bereits installierter und konservierter Röhren, von Hardisty in Alberta zur Grenze. Im Mai sicherte sich South Bow 20-jährige Bindungsverträge für Transportleistungen. Eine endgültige Investitionsentscheidung wird für Mitte 2027 angepeilt. Anfänglich 550 000 Barrel Rohöl täglich.
South Bows eigene Projektbeschreibung nennt das Ziel beim Namen: albertisches Rohöl mit amerikanischen Lieferpunkten verbinden. Was offiziell als separates Vorhaben erscheint, greift auf Trassen, Genehmigungen und Verträge zurück, die einst unter dem Namen Keystone XL standen oder mit ihm verflochten waren. Biden hatte 2021 die präsidiale Genehmigung für den amerikanischen Abschnitt widerrufen, der Besitzer TC Energy stellte das Projekt 2021 ein. Die Trasse selbst verschwand nicht — sie wurde nur zwischen zwei Firmennamen aufgeteilt.
Die zeitliche Fügung ist bemerkenswert. Im Februar 2025 verhängte das Weiße Haus einen 25-Prozent-Zoll auf kanadische Importe, mit Verweis auf unzureichende Maßnahmen gegen illegale Migration und Drogenschmuggel. Ottawa konterte mit einem reziproken Zoll und hielt dagegen, dass nach kanadischen Angaben weniger als ein Prozent der Fentanylfunde und irregulären Grenzübertritte über die kanadische Grenze erfolgten. Im Juli 2026 flammten die Spannungen erneut auf. Die einst selbstverständliche Allianz der beiden Länder ist in den vergangenen achtzehn Monaten in ein Muster aus Strafzöllen, Gegenstrafzöllen und öffentlichen Drohgebärden geraten — Trump hatte in dieser Zeit wiederholt darüber spekuliert, Kanada zu einem US-Bundesstaat zu machen.
Die Pipeline-Story fügt sich in dieses Muster als wiederkehrendes Motiv. Keystone XL war 2008 vorgeschlagen worden, um Öl aus den westkanadischen Teersanden in die Raffinerien des Mittleren Westens und der Golfküste zu bringen. Das Projekt wurde zum Symbol eines jahrelangen Konflikts mit Landbesitzern, indigenen Gruppen und Umweltverbänden — auch Dakota Access und Enbridge Line 3 standen auf dieser Liste. Es nun erneut ins Gespräch zu bringen, ist eine politische Setzung.
Bis zum 21. August werden die „finalen Dokumente" ausgehandelt. Was darin über Volumen, Route, Subventionierung und Umweltauflagen steht, ist nicht öffentlich. Die Pipeline-Branche indes hat ihre eigenen Fahrpläne: Bridger hat ihre Genehmigung, South Bow hat ihre Verträge, beide Unternehmen haben dasselbe Lieferziel — die amerikanischen Raffinerien. Was als Verhandlungspause daherkommt, ist, nüchtern betrachtet, eine Bauaufnahme mit angehängter Pressekonferenz.
❖ Ende des Artikels ❖
