Anna Salai im August: Madras wird 387 — kuratiert
Wenn eine Stadt ihren Geburtstag feiert, ist es klug, jemanden zu fragen, der das Alphabet des Erinnerns sortieren kann. In Chennai hat man The Hindu gefragt. Das Ergebnis heißt „Made of Chennai" und dauert, wie es sich für eine ordentliche Feier gehört, einen Monat. Genauer: den August des Jahres 2026, in dem Madras, so die Zählung der Veranstalter, 387 Jahre alt wird.
Die Feierlichkeiten sind umfangreich, und sie sind, wie es die Mode der Stunde will, als Rundum-Erlebnis angelegt. Über 5.800 Menschen beteiligten sich am Made-of-Chennai-Lauf, einem der Programmpunkte des Monats. Hinzu kommen kulinarische Veranstaltungen, Sport, Livemusik, und — als stilles Zentrum des Ganzen — die Archivausstellung „Madras on Stage", die vom 14. August bis zum 10. September ihre Pforten am Hauptsitz der Zeitung an der Anna Salai öffnet. Es ist das vierte Jahr, in dem The Hindu seinen Lesern die eigenen Archive als Stadtgedächtnis anbietet, ein Angebot, das auf Gegenseitigkeit beruht: die Stadt liefert ihre Geschichte, die Zeitung liefert den Rahmen.
Die Kuratorin Thirupurasundari Sevvel hat die Ausstellung mit dem Bibliotheksteam der Zeitung zusammengestellt. Das Material ist gewaltig: mehr als 20 Lakh, also über zwei Millionen Fotografien, lagern im Haus. Was gezeigt wird, ist — wie Sevvel es formuliert — immer auch das, was weggelassen wurde. Jede Ausstellung sei ein Blick durch ein Schlüsselloch, sagt sie. Diesmal blickt das Schlüsselloch auf öffentliche Räume: Strände, Parks, Nachbarschaften, Versammlungsorte — die Stellen, an denen Kultur nicht auf der Bühne stattfand, sondern im Straßenbild. „All diese Jahre haben wir auf die Performer auf der Bühne geschaut. Diesmal wollten wir hinter die Bühne blicken, darauf, wie die Strände, Parks und anderen öffentlichen Plätze der Stadt zu Orten von Aufführungen, Versammlungen und kulturellem Austausch wurden", erklärt sie. Es gehe um die vielen Wege, auf denen sich Kultur in der Stadt entfaltet habe.
Die Photographien, schwarz-weiß zumeist und von der PrePress-Abteilung unter Leitung von K.G. Gurumurthy digital restauriert und aufgearbeitet, reichen von einer Wahlkampfveranstaltung des Schauspielers Sivaji Ganesan aus dem Jahr 1958 — der sich am Mikrofon gegen die Kürzung des Rohfilmimports ereiferte, flankiert von MGR, SS Rajendran und Gemini Ganesan, während der Regisseur K. Subrahmanyam auf einem Stuhl zur Linken saß — über eine Tagore-Feier im Woodlands Hotel im Mai 1961, bei der Satyajit Ray neben AV Meiyappan und B. Nagi Reddy saß und alte Freundschaften pflegte, bis zu einem Boney-M-Konzert von 1997 und einem Rockauftritt der US Navy Band der USS Eversole von 1985. Dazwischen liegen, beinahe beiläufig: ein russischer Schauspieler in der Rolle des Lord Rama auf einer Ramayana-Bühne im Jahr 1982, der Pianist Louis Kentner auf Tournee mit Yehudi Menuhin 1954, und Gefängnisinsassen der Madras Central Jail, die 1973 am Karfreitag in Reihen sitzend dem spirituellen Lehrer Kirupanandha Variyar zuhörten. Das Archiv, so macht die Ausstellung deutlich, kennt keinen einheitlichen Ton; es kennt nur das Nebeneinander.
Am Freitag, dem 15. August, besuchte Tamil Nadus Minister für Schulbildung, Tamil-Entwicklung sowie Information und Öffentlichkeitsarbeit, Rajmohan, die Ausstellung. Er sprach mit Schulkindern, die gekommen waren, um die Photographien zu sehen, und ermunterte sie, selbst zur Straßenfotografie zu greifen. „Photographie ist zutiefst mit Geschichte verbunden", sagte er — ein Satz, der in einem Atemzug mit der Ausstellung atmet, in der die Geschichte der Stadt vor allem als Geschichte ihrer öffentlichen Räume erzählt wird. Die Schüler, die Photographien, der Minister: eine kleine, fotografierbare Szene im größeren Monat.
Das Haus, in dem dies geschieht, ist selbst ein Stück Stadtgeschichte: ein Art-Deco-Bürogebäude an der Anna Salai, durch dessen Eingang man die Ausstellung betritt. Es ist, als habe die Zeitung nicht nur ihr Archiv geöffnet, sondern auch ihr Mobiliar. Was draußen auf den Straßen gefeiert wird — der Lauf, das Essen, die Musik —, wird drinnen, im Halbdunkel des Archivs, in seine Bestandteile zerlegt. Und am Ende des Monats, beim großen Finale mit Livemusik und kuratierten Geschmackserlebnissen, wird das, was als Erinnerung begonnen hat, wieder zusammengesetzt: zur Stadt, zum Programm, zum August.
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