Thong, Duschhaube, Tüte — Anatomie einer städtischen Überreaktion
Es braucht keine Verschwörung, um das Offensichtliche zu sehen. Es reicht, dass eine Polizeibehörde um vier Uhr dreißig in der Früh ausrückt, weil ein Mann in roten Crocs, einer schwarzen Umhängetasche, violetten Latexhandschuhen, einer Brille und einer schwarzen Duschhaube seine Notdurft in einer Hundekotbeutel verrichtet und das Ergebnis an Türen und Wänden eines Einkaufszentrums südlich des Stadtzentrums von Tulsa, Oklahoma, verteilt — nahe 81st Street und Harvard Avenue. Es reicht, dass die Behörde diesen Vorgang anschließend als Belästigung lokaler Geschäfte rahmt, als „ongoing situation", als kollektive Bedrohung des öffentlichen Raums. Was hier stattfindet, ist nicht die Verfolgung eines Delinquenten. Was hier stattfindet, ist eine Polizeibehörde, die sich an einem banalen Akt abarbeitet und dabei ein Vokabular aufmacht, das sonst Fahndungen nach Schwerverbrechern vorbehalten ist.
Die Mechanik ist alt, und sie ist zuverlässig. Da lässt ein Geschäftsinhaber eine Sicherheitskamera installieren, weil er die Wiederholungstat dokumentieren will. Die Kamera filmt einen Mann, der „nur mit einem Tanga, einer aufgeschnittenen Maske und einer Duschhaube bekleidet" sei, so die Polizei in ihrem Aufruf an die Öffentlichkeit. Der Mann entblößt sich vor der Linse, bevor er seine nächste Tüte füllt. Man veröffentlicht das Material auf Facebook. Man bittet die Bürger um Mithilfe. „Help us find this guy", heißt es dort. „Please, if you know where we can find him, we'd love to relieve these business owners."
Man beachte den Ton. Man beachte die Anrede. Da spricht eine Polizeibehörde, die sich selbst in die Rolle des Bittstellers begibt, die aber gleichzeitig das Vokabular einer Hetzjagd benutzt — als handele es sich um einen bewaffneten Überfall, als sei das Einkaufszentrum eine Kleinstadt in Kansas, über die ein Tornado zieht. In Wahrheit geht es um einen Mann, der nachts in Hundekotbeutel defäkiert und sie an Wände schmiert. Die Polizei spricht von einer laufenden Lage. Die Geschäftsleute sprechen, so darf man annehmen, von etwas ganz anderem: von einer Behörde, die ihre Schichtpläne um vier Uhr dreißig auf Trab bringt, während anderswo in Tulsa vermutlich wichtigere Dinge passieren.
Man darf das hier Disproportionalität nennen, das schöne Wort, das Juristen benutzen, wenn der Staat mit Kanonen auf Spatzen schießt. Man darf es auch einfacher sagen: Ein Polizeiaufgebot, das einen nahezu unbekleideten Mann in einem Einkaufszentrum sucht, mehrere Anläufe nimmt, ihn nicht findet und dann die Öffentlichkeit einschaltet, ist ein Aufgebot, das seine eigenen Prioritäten nicht mehr kennt. Es ist ein Aufgebot, das auf den leichteren Reiz reagiert, weil der schwere Reiz — die schlichte Langeweile einer Stadt, die sich selbst keine nennenswerte Kriminalität mehr zutraut — politisch unbequem wäre. Eine Kamera, ein Posting, ein Aufruf: So sieht die moderne Polizeipädagogik aus. Sie braucht keinen Täter, sie braucht ein Bild. Sie braucht keine Aufklärung, sie braucht ein Gefühl.
Die Polizei von Tulsa hat, Stand dieser Woche, mehrere Einsätze gefahren, den Mann nicht gefunden und ihre Videobotschaft veröffentlicht. Sie hat ihn als „serial defecator" bezeichnet und damit einen Beitrag geleistet zum Kanon amerikanischer Kuriositäten — Colorados „Mad Pooper", Ashlands „Parking Lot Pooper", New Jerseys „Pooperintendent of Schools". Man kann das lustig finden. Man kann es, und ich tue es, auch lesen als das, was es ist: als Symptom. Als Symptom einer Stadtführung, die nicht weiß, wohin mit ihrer Aufmerksamkeit, und die lieber eine Hundekotbeutel-Tat ins Rampenlicht zerrt, als über die Mechanik der eigenen Überwachung nachzudenken.
Denn die Überwachung ist es, die hier wirklich sichtbar wird. Eine Privatperson rüstet mit Kamera auf. Eine Polizei veröffentlicht das Bild. Eine Öffentlichkeit wird aufgefordert, mitzusehen. Das ist, in nüchterner Sprache, der Anfang einer Mitmach-Fahndung, in der die Schwelle zwischen privater Wachsamkeit und staatlicher Ermittlung verschwimmt. Der Mann in der Duschhaube mag das eine tun. Das System, das ihn sucht, tut das andere. Es exerziert, mit großem Aufwand, eine Form der Sichtbarkeit, die mit dem Anlass in keinem Verhältnis steht — überdimensionierte Staatsgewalt, die sich an einer Tüte reibt.
Tulsa ist eine Stadt, die anderes gewöhnt ist. Wer dort wohnt, kennt das Bild einer Polizei, die sich inszeniert — mal als Mahner, mal als Bittsteller. Hier ist sie beides zugleich. Die Bürger werden um vier Uhr dreißig nicht von einem Einbruch geweckt, nicht von einem Unfall, sondern von einer Behörde, die auf Facebook um Mithilfe bei der Suche nach einem Mann in einem Tanga bittet. Man darf das zur Kenntnis nehmen. Man darf auch fragen, welche Stadt sich das leistet — und welche Stadt sich das gefallen lässt.
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