Die Handschuhe, die nichts verbergen: Das BSW und die AfD-Distanz
Es gibt Sätze, die in der Luft hängen wie der Geruch von Cordit nach einem Schusswechsel – man weiß, dass sie gefallen sind, doch man sieht die Wunde erst später. Wenn Harald Koch heute seine Mitgliedsnummer 232 nennt, so spricht aus dieser Zahl nicht mehr Stolz, sondern das nüchterne Inventar einer ehemaligen Überzeugung. Koch war einer der Ersten im BSW Sachsen-Anhalt, Kreisvorsitzender in Mansfeld-Südharz, ein Mann der ersten Stunde. Anfang August, weniger als einen Monat vor der Landtagswahl am 6. September, trat er zusammen mit zwanzig anderen aus – darunter, so berichtet es CORRECTIV, auch führende Mitglieder.
Was bleibt, ist ein Brief an den Vorstand, ein Richtungsstreit, der über die Landesgrenzen hinausweist, und eine Frage, die sich nicht mehr wegblättern lässt: Wie nahe darf sich eine Partei, die sich selbst als Kraft der demokratischen Mitte versteht, an jene heranwagen, die sie als politischen Gegner benennt? Die Antwort, die sich aus den Berichten zusammensetzt, ist so präzise wie unbequem. Die beiden BSW-Spitzenkandidaten in Sachsen-Anhalt, Claudia Wittig und Thomas Schulze, sollen nach internen Vorwürfen gezielt die Nähe zur AfD und zu Personen aus dem rechten Vorfeld gesucht haben. Konkret geht es um einen Auftritt des ehemaligen AfD-Politikers Robert Farle bei einer BSW-Veranstaltung mit Schulze sowie um ein Treffen Wittigs mit einem russlandnahen Adligen aus dem rechten Spektrum.
Beide Vorgänge sind, für sich genommen, noch keine Staatsaffären. Doch in der Summierung – und in der zeitlichen Nähe zur Wahl – zeichnen sie ein Muster, das sich nicht mehr als Zufall abtun lässt. Sylvia Winkelmann-Witkowsky, ehemalige stellvertretende Landesvorsitzende und ebenfalls Anfang August ausgetreten, bringt es auf eine Formel, die in der Klarheit ihrer Diagnose beinahe chirurgisch wirkt: Das BSW sei inzwischen „eine Mischung zwischen AfD light und SED 2.0." Diese zwei Worte – das eine aus dem Vokabular der Gegner, das andere aus dem Lexikon der Geschichte – markieren die Koordinaten eines Vakuums, in dem eine Partei ihre Identität verliert, während sie zugleich versucht, jede verfügbare Identität anzunehmen.
Dass diese Diagnose nicht aus dem luftleeren Raum kommt, belegt die breitere Debatte. MDR und NDR haben in Aktionen vor einer möglichen AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt gewarnt; ein AfD-Spitzenkandidat reagierte empört. Die ZEIT zitiert die Linke Eva von Angern mit dem Eingeständnis, man müsse „wieder in die Herzen der Menschen kommen". Und in der übergreifenden Selbstkritik der demokratischen Spitzenkandidaten wird der Befund auf einen einzigen Satz verdichtet: „Das ist ein schwerer politischer Fehler, der muss repariert werden" – ein Versäumnis, das ausdrücklich als gemeinsamer Fehler der demokratischen Parteien benannt wird.
Worum es hier geht, ist nicht das Versagen Einzelner, sondern die Mechanik eines Systems. Wenn eine kleine Partei sich anschickt, Königsmacherin zu werden – die AfD liegt derzeit in Sachsen-Anhalt bei rund 40 Prozent –, dann wird jede dokumentierte Geste der Annäherung Teil der Architektur einer möglichen Mehrheit. Die Vorwürfe, die im Raum stehen, lassen sich vor diesem Hintergrund nicht mehr als taktische Missgeschicke abtun. Wer das Bildungsministerium im Auge hat, wer die Zahl der Sitze im Landtag kennt, der sortiert seine Verbündeten nicht mehr nach Ideen, sondern nach Verfügbarkeit.
Die Antwort der Partei selbst fehlt bislang – oder sie verbirgt sich hinter dem Hinweis auf einen Sonderparteitag in Thüringen, der ebenfalls am 6. September stattfinden soll und an dem sich der Richtungsstreit zuspitzen könnte. Was öffentlich dokumentiert ist, sind 21 ausgetretene Mitglieder, ein beschädigter Gründungsmythos und die Vorwürfe, die jetzt auf dem Tisch liegen. Was am Wahltag zählen wird, ist allein die Antwort der Wähler. Und die Frage, ob die Distanz, die eine Partei reklamiert, sich nicht in Metern misst, sondern in Mandaten.
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