Penn State: Das Ritual unter dem weißen Pulver
Manchmal beginnt Macht nicht mit einem Befehl, sondern mit einer Schere. Man setzt die Schneide an, teilt das Pulver, bindet die Tüten zu, und während die Hände noch lernen, was Gehorsam kostet, schließt sich über ihnen die Hierarchie. In State College soll genau dies geschehen sein. Die Penn-State-Kokainrazzia führte zu 14 Festnahmen; 13 der Beschuldigten waren zum Zeitpunkt des mutmaßlichen Geschehens 2023 und 2024 Studenten, der vierzehnte ist der Vater eines Studenten. Ihm wird vorgeworfen, ein Safe mit Drogen und Geld versteckt und die Ermittlungen behindert zu haben.
Die Operation trägt den bezeichnenden Namen „Drugs Unlimited“. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft bezogen Agostino Abbatiello und Thomas Robinson große Mengen Kokain in Philadelphia und New York. Mitglieder und Neulinge der Verbindungen Delta Upsilon und Sigma Chi sollen die Droge anschließend in deren Häusern außerhalb des Campus geschnitten, abgepackt und an Kommilitonen verkauft haben. Die Penn-State-Kokainrazzia ereignete sich somit nicht lediglich neben den sogenannten pledge coke-cutting rituals, den angeblichen Ritualen des Kokschneidens für Neulinge, sondern diese Rituale waren selbst Teil des Betriebs.
Pennsylvanias Generalstaatsanwalt Dave Sunday beschrieb das Gefüge als „coordinated and highly-profitable drug-trafficking crew“, aufgebaut um zwei ältere Mitglieder der Verbindungen, weitere Brüder und die pledges. Besonders aufschlussreich ist der Satz, mit dem die Anklage die Tätigkeit bewertet: „In fact, according to the evidence uncovered, cutting and packaging cocaine was, for some pledges, an indoctrination into the fraternities.“ Das Schneiden und Verpacken von Kokain, so die wörtlich übernommene Aussage, sei für einige Neulinge eine „Indoctrination“, eine Indoktrination in die Verbindung, gewesen. Nicht der mögliche spätere Drogenkonsum steht damit im Mittelpunkt, sondern der Eintritt in eine Ordnung, in der eine kriminelle Handlung als gemeinsame Prüfung dargeboten wurde.
Gerichtsunterlagen zeigen eine klare Hierarchie des mutmaßlichen Penn-State-Drogenrings. Abbatiello, den Sunday als „at the very top of the chain“ bezeichnete, und Thomas Robinson sollen die Hauptlieferanten gewesen sein. Eine Ebene darunter sahen die Ankläger Mohammed Hurabi, Lars Zeepvat und Robert Zanolla. Abbatiello, Robinson, Hurabi und Zeepvat müssen sich unter anderem wegen krimineller Organisation, Verschwörung und des Umgangs mit inkriminellen Erlösen verantworten. Zanolla wird Verschwörung und die Nutzung einer Kommunikationsanlage für kriminelle Zwecke vorgeworfen. Acht weitere studentisch wirkende Beschuldigte sollen lediglich mit Vergehen wie Besitz und Drug Paraphernalia konfrontiert sein.
Diese Abstufung ist kein ornamentaler Zusatz zur Anklage. Sie beantwortet, wer gehorchte, wer organisierte und wer die Arbeit ausführte. An der Spitze standen die Lieferanten und Koordinatoren; die älteren Verbindungsmitglieder hielten das Geschäft zusammen; die Neulinge schnitten und verpackten die Droge; am Rand standen jene, denen allenfalls Besitz und Zubehör zugerechnet werden. Selbst die Beweisbeseitigung hatte ihren Platz: Paul Robinson soll ein Safe mit Drogen und Bargeld verborgen haben. Als Abbatiello erfuhr, dass Behörden Personen zu den Geschäften befragten, soll er diese gebeten haben, seine Beteiligung nicht zu erwähnen.
So entsteht das Bild eines Systems, in dem Handel, Ritual und Status ineinandergelegt waren. Die Universität reagierte inzwischen mit einer vorläufigen Suspendierung von Delta Upsilon; Sigma Chi besitzt ohnehin keine Anerkennung durch die Hochschule. Zwei landesweite Grand Juries prüften die Beweismittel, die unter anderem durch verdeckte Ermittler und Käufe in beiden Verbindungshäusern zusammengetragen worden waren.
Doch zwischen den Schlagzeilen liegt ein Bruch, den keine noch so saubere Pressemitteilung verdecken kann. Fox News erwähnt in seiner Darstellung ausdrücklich Anklagepunkte im Zusammenhang mit Fentanyl und Crack-Kokain, während der Daily Caller den Vorgang als Bericht über einen reinen Kokainring rahmt. In der einen Version wird Kokain innerhalb des Verbindungslebens offenbar als normalisierte Substanz beschrieben, in der anderen ist gar von einem „cover“ die Rede. Das Ungereimmaß ist beträchtlich: „reines Kokain“ auf der einen Seite, Fentanyl und Crack-Kokain auf der anderen; Einordnung als bloßer Drogenhandel hier, Indoktrination und Deckmantel dort.
Aus dieser Differenz folgt keine Verschwörung, aber sie verbietet eine bequeme Geschichte von ein paar Gramm Pulver, die zufällig in zwei Studentenverbindungen gerieten. Solange die Gerichte weder Substanzen noch Chargen oder Anklagepunkte vollständig klären, sollte auch die Öffentlichkeit das Etikett „Kokainring“ nicht ungeprüft übernehmen. Der Fall könnte komplexer sein. Sicher ist bislang nur, dass 14 Menschen in einem Gefüge beschuldigt werden, in dem Drogenhandel und Initiationsritus offenbar dieselbe Architektur besaßen. Man schließt die Akte besser mit Handschuhen. Nicht um etwas zu verbergen, sondern um keine Behauptung mit den Fingerabdrücken eines Verdachts zu versehen.
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