Lächeln auf Bestellung — Rechtsextreme filmen den AfD-Spitzenkandidaten
Es ist ein Film, wie ihn sich die Kameraleute des sogenannten „Filmkunstkollektivs" wünschen: Ulrich Siegmund, der Spitzenkandidat der AfD Sachsen-Anhalt, rollt im Abendlicht auf einem Moped über eine Landstraße, hinter ihm Hunderte von Anhängern auf ihren Simsons, der Sound eine Mischung aus epischem Elektro und Zweitakter-Geknatter. „Jetzt geht's richtig los", sagt Siegmund. „Guckt euch diese Bilder an." Was hier inszeniert wird, ist nach einer Recherche der Plattform CORRECTIV kein spontaner Ausflug, sondern Teil einer durchkomponierten Wahlkampfarchitektur, in der das Bild die politische Substanz zu ersetzen versucht.
Die Bilder entstehen nicht zufällig. Produziert werden sie vom „Filmkunstkollektiv", einem Verein, dessen Aktivistinnen und Aktivisten nach Erkenntnissen von CORRECTIV aus dem rechtsextremen Vorfeld stammen, namentlich aus der „Identitären Bewegung" (IB). Die Kamera-Leute begleiten Siegmund und die Landespartei seit Jahren. Sie sind zur Stelle, wenn die Landtagsabgeordnete Lena Kotré sich mit dem österreichischen Rechtsextremisten Martin Sellner zum „Remigration"-Talk trifft, wenn AfD-Chefin Alice Weidel und der FPÖ-Vorsitzende Herbert Kickl gemeinsam vor die Linse treten, oder wenn Björn Höcke einen 100-minütigen Imagefilm braucht. Auf den Social-Media-Konten der AfD-Politiker, so CORRECTIV, wimmelt es von Verweisen auf das Kollektiv.
Die Mechanik, die hier sichtbar wird, ist die einer geschlossenen Produktionskette: Auf der einen Seite Aufträge, die von der Partei oder den Mandatsträgern vergeben werden; auf der anderen Seite ein Pool von Aktivistinnen und Aktivisten, die mit denselben Kameras, mit derselben Ästhetik, mit demselben Blick auf den politischen Gegner sowohl den Wahlkampf der AfD bedienen als auch eigene Demonstrationen und Aktionen ins Bild setzen. CORRECTIV dokumentiert, dass dieselben Personen, die an einem Tag Filme für die AfD drehen, an einem anderen Tag „Remigration"-Banner auf der Meerenge von Ceuta ausrollen. Das ist kein Betriebsunfall — das ist ein Geschäftsmodell.
Über die Aufträge fließt Geld aus der Partei in das rechtsextreme Vorfeld und eröffnet den Aktivistinnen und Aktivisten neue Möglichkeiten: professionelle Ausrüstung, Reisekosten, eine institutionelle Anbindung, die sich bei späteren Bewerbungen als Referenz nutzen lässt. Vor allem aber schafft es eine Struktur, die zwischen formeller Parteipolitik und militantem Aktivismus steht, ohne dass die eine Seite die andere beim Namen nennen müsste.
Dabei hat die AfD die Zusammenarbeit mit der Identitären Bewegung auf dem Papier längst untersagt. Die Recherche von CORRECTIV zeigt nun, dass sich diese Selbstverpflichtung an der Realität der Wahlkampfproduktion in Sachsen-Anhalt bricht — nicht als offene Rebellion, sondern als stille, gut bezahlte Gewohnheit.
„Das 'Filmkunstkollektiv' ist eine rechtsextreme Propagandafabrik", sagt der Politik- und Kommunikationsberater Johannes Hillje, der die AfD und ihre Kommunikation seit Jahren beobachtet, gegenüber CORRECTIV. „Der Verein steht beispielhaft für die Professionalisierung der PR- und Medienarbeit der rechtsextremen Szene." Was Hillje als Professionalisierung beschreibt, ließe sich auch schlichter benennen: Es ist die Übersetzung einer Ideologie in ein Lieferformat — Suchmaschinenoptimierung inklusive, Schnittlogik inklusive, konsistentes Branding inklusive.
Die Strategie, die Siegmund selbst verfolgt, hatte er bereits zuvor vorgestellt — bei einem Treffen, das als „Geheimtreffen in Potsdam" Eingang in die Berichterstattung gefunden hat. Dort präsentierte er das Konzept des freundlichen, volksnahen Politikers, eines Kandidaten, der mit dem Moped über die Landstraße fährt, statt im Anzug durch Studios zu laufen. Das Moped ist dabei mehr als ein Fortbewegungsmittel. Es ist ein Versprechen von Nähe, von Schlichtheit, von einer imaginierten Vergangenheit, in der die Welt noch überschaubar war.
Was CORRECTIV offenlegt, ist nicht in erster Linie eine neue Enthüllung über die Gesinnung einzelner Kameraleute — darüber bestand in der Beobachterlandschaft kaum Zweifel. Bemerkenswert ist die strukturelle Selbstverständlichkeit, mit der die Partei Aufträge an Akteure vergibt, mit denen sie offiziell nicht zu kooperieren vorgibt. Bemerkenswert ist, dass diese Akteure über Jahre zu einer Art Hausproduktion der AfD Sachsen-Anhalt werden konnten, ohne dass die Parteiführung dies unterbindet — oder auch nur benennt. Bemerkenswert ist die reibungslose Lieferung von Bildern, bei der niemand nachfragt, wer am Ende der Kette steht.
Die Aufnahmen der Mopedausfahrt zirkulieren inzwischen auf Siegmunds Kanälen, der Soundtrack, so CORRECTIV, ist derselbe, der bei identitären Demonstrationen verwendet wird. Es ist, als würde man eine Melodie hören, die vorgibt, ein Volkslied zu sein — und erst beim zweiten Hinhören erkennt man, dass sie aus einem anderen Repertoire stammt. Die AfD Sachsen-Anhalt hat auf Anfrage von CORRECTIV bislang nicht Stellung genommen.
Was bleibt, ist eine Frage, die über Sachsen-Anhalt hinausweist: Wenn eine Partei ihre wichtigste Waffe im Wahlkampf — das Bild — aus der Hand einer Gruppe bezieht, mit der sie offiziell nicht zu kooperieren vorgibt, was sagt das über das Verhältnis dieser Partei zu ihrem eigenen Selbstverständnis? Es sagt, dass die Inszenierung wichtiger ist als die Kohärenz. Es sagt, dass die Produktion der Freundlichkeit Vorrang hat vor der Aufklärung ihrer Quellen. Und es sagt, dass die Handschuhe, mit denen hier hantiert wird, weiß sind — und dennoch Spuren hinterlassen.
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