Neptun Deep: Drohnenschatten über dem Schwarzen Meer
Bukarest, Donnerstagabend, fast Mitternacht. Verteidigungsminister Radu Miruță setzt einen Facebook-Post ab, der die Form eines Berichts hat, die Substanz einer Pressemitteilung und das Gewicht eines Schuldspruchs. Ein F-16-Jagdflugzeug der rumänischen Luftwaffe habe eine mit Sprengstoff beladene Marinedrohne zerstört, schreibt er. Ort: einige hundert Meter vor der Förderplattform von Neptun Deep, achtzig Seemeilen östlich von Constanța. Zeit: 6:28 Uhr, gemeldet von einem Handelsschiff in der Nähe. Ein zweiter Post bestätigt später, was der erste schon ahnen ließ: Sprengstoff an Bord.
Die offizielle Lesart liest sich wie ein poliertes Pressedossier. Man habe die Drohne vernichtet, "um die Leben der mehreren hundert auf der Plattform arbeitenden Menschen zu schützen und kritische Infrastruktur zu sichern". Über die Herkunft schweigt das Ministerium. Nur so viel: Über einen neu eingerichteten direkten Kommunikationskanal habe die ukrainische Seite bestätigt, dass es nicht ihre Drohne war. Präsident Nicușor Dan zeigt auf Russland und spricht von "verantwortungslosen Vorfällen". Ursula von der Leyen schreibt von "hybrider Kriegsführung" und einer "eskalierenden Kampagne der Bedrohungen". Moskau schweigt. Auch das gehört inzwischen zur Routine dieser Gewässer.
Was die Trümmer einer Drohne verraten könnten — über Hersteller, Antrieb, Frequenzen, Bestückung — ist öffentlich nicht bekannt. Das Ministerium hat die Drohne zerstört, schreibt Miruță. Vollständig. Ein zweites Mal, durch ein Schiff, das zur Unglücksstelle eilte. Dass von der Maschine nichts bleibt, ist Absicht oder Gewohnheit — man weiß es nicht.
Was man kennt, ist die Ökonomie hinter dem Vorfall. Neptun Deep, gemeinsam entwickelt von OMV Petrom und dem staatlichen Romgaz, enthält geschätzte hundert Milliarden Kubikmeter förderbares Erdgas. Vier Milliarden Euro Investition. Ab 2027 soll die Förderung anlaufen, jährlich etwa acht Milliarden Kubikmeter, fast eine Verdopplung der rumänischen Eigenproduktion und der Aufstieg Rumäniens zum größten Erdgasproduzenten der Europäischen Union. Wer dieses Reservoir in seiner Funktion bedroht, gefährdet nicht eine Plattform, sondern eine kalkulierte Energiegeografie. Wer es nur inspiziert, gefährdet sie auch.
Die Vorfälle, man zählt sie inzwischen mit Bleistift, nicht mit Sorge. Am 11. August sprengten rumänische Heerestaucher zwei Gerbera-Drohnen, die in der ausschließlichen Wirtschaftszone trieben. Am gleichen Donnerstag stürzte eine weitere Drohne in einem unbewohnten Gebiet nahe dem Dorf Grindu ab, vier Kilometer hinter der ukrainischen Grenze. Die NATO habe in den vergangenen Wochen vier Luftdrohnen über Rumänien abgeschossen, heißt es aus Bukarest. Im Juni detonierte im Hafen von Constanța eine ukrainische Marinedrohne; Kiew erklärte, russische elektronische Störung habe sie vom Kurs abgebracht. Rumänien teilt eine 614 Kilometer lange Landgrenze mit der Ukraine, und vier Jahre Krieg haben die Luft darüber nicht dichter gemacht.
Im Juli beschlossen Rumänien, Bulgarien und die Türkei, die drei NATO-Anrainerstaaten des Schwarzen Meeres, ihre gemeinsame Taskforce zu erweitern. Bisher räumte sie Minen, künftig soll sie kritische Infrastruktur schützen. Mehr als 150 Treibminen wurden seit Kriegsbeginn entschärft. Die Geografie ist nicht zufällig. Der Schutz auch nicht.
Was bleibt, ist eine Liste offener Fragen, die Bukarest bislang nicht beantwortet hat. Wer hat die Drohne ausgesandt? War sie Waffe, Aufklärer oder navigatorisches Missgeschick? Welche konkrete Gefahr ging von den "mehreren hundert" Beschäftigten aus — und warum nennt das Ministerium ein Adjektiv statt einer Zahl? Wenn die Plattform das Ziel war: warum dann achtzig Seemeilen vor der Küste, in international wahrnehmbarer Distanz? War Neptun Deep in dieser Nacht Angriffsobjekt oder Beobachtungsfall? Man darf diese Fragen stellen, ohne den Verteidigungsminister der Lüge zu zeihen. Man darf auch festhalten, dass seine Posts sie nicht beantwortet haben.
Die Antworten werden anderswo gesucht werden. In Funkprotokollen, die niemand veröffentlicht. In den Hafenbecken von Noworossijsk, in den Werftlisten der Krim, in den Logbüchern der Reedereien, die diese Gewässer seit Jahren befahren. Bis dahin bleibt: ein F-16, eine zerstörte Drohne, ein Minister auf Facebook und ein Schwarzes Meer, das seine Geheimnisse nicht hergibt.
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