Zwischen Selm und Sanktion: Der Ratsherr aus New Belgrade
Manche Architektur verrät mehr, als ihre Erbauer je zugeben würden. Im New Belgrade, jener Plattenbaumonotonie der Neunziger am Ufer der Save, in einem Einkaufszentrum, das längst aufgehört hatte, ein Einkaufszentrum zu sein, eröffnete im Oktober 2022 ein Mann namens Andreas Maul ein Unternehmen namens Smart Digital Ideas D.O.O. — angemeldet als IT-Händler, betrieben nach Lesart des US-Finanzministeriums als etwas anderes. Die Wände mochten kalt sein. Die Akten sind es auch.
Das Office of Foreign Assets Control, OFAC, setzte die Firma am 19. November 2025 auf seine Sanktionsliste. Der Vorwurf, präzise formuliert, wie es die Behörde liebt: Beihilfe für die in Russland ansässige Aeza Group LLC, ein sogenannter "bulletproof hosting service provider" — Anbieter von Serverinfrastruktur, die speziell dafür konstruiert ist, Spuren zu verwischen und Strafverfolgung zu entziehen. Mauls Firma habe der Aeza-Gruppe, so OFAC, ermöglicht, Sanktionen zu umgehen und technische Infrastruktur aufzubauen, "that is not publicly associated with the Aeza brand". Wer übersetzt, versteht: Tarnung.
Andreas Maul, 38, in Kasachstan geborener deutscher Staatsbürger, trat am 1. November 2025 — vierzehn Tage vor der Sanktionierung seiner serbischen Firma — sein Mandat als Stadtrat in Selm an, einer Kleinstadt etwa zwanzig Kilometer nördlich von Dortmund, auf einem Listenplatz der Alternative für Deutschland. Die AfD, zweitstärkste Fraktion im Bundestag, ist jene Partei, über deren mögliche Teilverbote derzeit vor dem Bundesverfassungsgericht verhandelt wird, angestoßen von Forderungen aus der demokratischen Mitte.
Es wäre unsauber, aus einem einzelnen Mandatsträger ein Verdikt über die Gesamtpartei zu schneiden. Aber das Muster, das dieser Fall freilegt, verdient Aufmerksamkeit. Die CORRECTIV-Redaktion, gestützt auf eine digitale Forensik der schwedischen NGO Qurium, hatte bereits vor über einem Jahr dokumentiert, dass die Aeza Group eine breitangelegte russische Desinformations- und Einflussoperation unterstützt habe, die unter dem Codenamen "Doppelganger" läuft — jene Kampagne, die seit der russischen Vollinvasion der Ukraine 2022 mit gefälschten Nachrichtenseiten, künstlich erzeugten Domains und gekauften Reichweiten westliche Öffentlichkeiten zu bearbeiten sucht. Die Insikt Group, das Recherchearm des Cybersecurity-Unternehmens Recorded Future, hielt im November 2025 fest, dass die Aeza Group binnen 24 Stunden nach ihrer eigenen Sanktionierung damit begann, amerikanische IP-Ressourcen umzuverteilen — ein Vorgang, den die Branche trocken "graceful relocation" nennt und der, ohne Pathos, bedeutet: wir ziehen ein Stockwerk tiefer, aber wir gehen nicht.
Heute, so das serbische Unternehmensregister, hat Smart Digital Ideas keine registrierten Mitarbeiter. Die serbische Zentralbank hat den Zugriff auf die Bankeinlagen der Firma seit Dezember 2025 gesperrt. Das Warum bleibt im Aktennebel.
Es bleibt ein Bild, zusammengesetzt aus Dokumenten, die sich nicht selbst kommentieren. Ein deutscher Ratsherr, dessen Name in einem Sanktionsbescheid des US-Finanzministeriums auftaucht. Eine serbische Briefkastenfirma in einem aufgegebenen Konsumtempel. Eine Sanktionsbehörde, die einen direkten Strang zwischen Belgrad und einem amerikanischen Regime zieht. Und eine Partei, deren Verhältnis zu Moskau seit Jahren Gegenstand von Verfassungsschutzberichten, parlamentarischen Anfragen und investigativen Recherchen ist.
Dass Serbien dabei nicht am Rand der Karte steht, sondern im Zentrum eines Geflechts, haben Recherchen des Balkan Investigative Reporting Network, BIRN, wiederholt gezeigt. Serbische Plattformen, die Kreml-Sprache sprechen, ohne offenzulegen, wer sie finanziert; Inhalte, die russische Narrative verstärken und gleichzeitig deutsche rechte Positionen befeuern — eine Symmetrie, die keine ist. Eine Balkan-Insight-Recherche vom März dieses Jahres trug ihrer Beobachtung den Titel "No Random Actor" auf. Man versteht die Betonung.
Was dies über den Einzelfall hinaus für die deutsche Politik bedeutet, lässt sich in einer Frage bündeln. Wenn ein Mandatsträger einer im Bundestag vertretenen Partei ein Vehikel mitbegründet, das nachweislich im Orbit einer sanktionierten russischen Cyber-Infrastruktur operiert hat, dann verschiebt sich die Verbotsdebatte von einer innenpolitischen zu einer außenpolitischen. Sie wird zu einer Frage der Souveränität. Sie wird zu einer Frage justiziabler Verantwortung — jenseits jeder Wahlurne. Und sie wird zu einer Frage, die kein Verfassungsschutzbericht mehr allein beantworten kann.
Maul hat auf Anfragen nicht reagiert. Das OFAC-Dokument ist öffentlich. Und wer solche Akten liest, legt am besten Handschuhe an — nicht aus den lackierten, sondern aus Blei.
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