Zweihundert Milliarden für ein Gespenst: Notizen aus der Trauerfalle
Sie ist tot. Die Frau, die einem ganzen Land das Stricken wieder schmackhaft machte, die in Tennessee Berge versetzte und Millionären das Träumen zurückbrachte. Dolly Parton, achtzig Jahre alt, ist am Dienstag gestorben, und die Maschine, die nach solchen Stunden stets erwacht, lief augenblicklich an.
Innerhalb weniger Tage verbreitete sich eine Meldung wie ein Lauffeuer durch die sozialen Netzwerke: Disney habe Dollywood für zweihundert Milliarden Dollar übernommen, der Park solle künftig "Disneywood" heißen. Die Quelle dieser Nachricht ist eine Webseite namens mousetrapnews.com, deren Name bereits das ganze ethische Programm enthält. Es handelt sich, man muss es so nennen, um eine Plattform, deren Geschäftsmodell die Verbreitung absurder Behauptungen ist, garniert mit dem Etikett BREAKING, damit das Auge nicht stolpert, sondern reflexhaft klickt.
Die Behauptung ist, mit Verlaub, vollkommen haltlos. Dollywood gehört, wie seit Eröffnung des Parks in seiner heutigen Form, zu gleichen Teilen der Firma Dolly Parton Productions und Herschend Family Entertainment, gebündelt in einer gemeinsamen Struktur namens The Dollywood Company. Wer dort investieren will, muss durch eine Festung von Verträgen, Erbverfügungen und Familienstiftungen, nicht durch die Einkaufstasche einer Maus aus Anaheim. Der Park ist in Pigeon Forge, Tennessee, am Tor zu den Great Smoky Mountains verankert, und seine wirtschaftliche Grundlage ruht auf Familienbetrieb und regionaler Identität, nicht auf dem Dollar einer Unterhaltungsdynastie aus Kalifornien.
Doch die Frage ist weniger, ob diese Nachricht stimmt; sie stimmt nicht, das ist mit dem Dokument belegt. Die Frage ist, warum sie überhaupt entstand und warum sie eine so erstaunliche Tragfähigkeit besaß. Hier, meine Damen und Herren, beginnt die eigentliche Arbeit.
Die Plattform, die diese Geschichte in die Welt setzte, folgt einem Schema, das in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in den Redaktionen der Boulevardblätter verfeinert wurde: Man nehme ein Ereignis von emotionalem Gewicht, kombiniere es mit einer bekannten Marke, addiere eine Zahl mit ausreichend vielen Nullen, um die Phantasie zu kitzeln, und serviere das Ganze unter dem Stempel des Breaking News. Eine solche Geschichte muss nicht wahr sein, sie muss nur glaubwürdig genug wirken, damit der Leser sie weiterträgt, bevor er sie prüft.
Im konkreten Fall wirkt die Fälschung besonders deshalb, weil sie zwei Namen verbindet, die in der populären Vorstellung längst zu Synonymen für Familienunterhaltung geworden sind. Disney kauft, so will es das amerikanische Mythologem, alles, was glänzt, und sei es noch so sehr in den Appalachen verwurzelt. Dass die Übernahme ausgerechnet in den Stunden einer Trauerfeier verkündet wird, ist kein Zufall, sondern kalkulierter Zynismus: In Momenten kollektiver Erschütterung sinkt die kritische Rezeptionsfähigkeit, das Auge sucht Halt, das Herz klammert sich an jede Erzählung, die das Unbegreifliche in eine Form bringt, mit der man umgehen kann.
Wer profitiert? Die Plattform, deren Existenz auf Klicks beruht. Die Aggregatoren, die algorithmisch verstärken, was Emotionen weckt. Die Kommentatoren, die am nächsten Morgen erklären, sie hätten es ja gleich gewusst, oder, schlimmer, jene, die es glauben und ihren Enkeln davon erzählen werden, weil die Geschichte so rund ist, dass sie nicht zerbrechen will. Der Mechanismus ist nicht neu. Er ist nur schneller geworden, und seine Tastatur steht inzwischen in jeder Tasche.
Was bleibt, ist die nüchterne Bestandsaufnahme. Dollywood wird weiterhin von jener Gesellschaft geführt, die es seit Jahrzehnten führt. Die Great Smoky Mountains stehen, wo sie standen. Dolly Parton Productions ist ein eigenständiges Unternehmen mit eigenem Erbe, nicht eine Filiale im Mauseohren-Konzern. Wer den Park besuchen will, fährt nach Pigeon Forge und zahlt den regulären Eintritt, nicht den Preis einer Fantasie, die sich in den Stunden nach einem Tod als bequeme Ablenkung feilbot.
Es gibt Tage, an denen die Wahrheit nicht mehr verlangt als ihre nüchterne Feststellung. Es gibt andere, an denen sie verlangt, dass man ihr den Mechanismus zeigt, der sie verdecken wollte. Heute ist ein solcher Tag.
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