Börse 1937
Terminal Tribune

29. August 2026

Dossier · Politik & Macht

Heißluft über kühlem Beton

29. August 2026 — — Kastner

Warnhinweis vorab: Dieser Artikel stützt sich auf eine einzige Quelle, den Bericht von netzpolitik.org vom 28. August 2026 über die interaktive Karte des Projekts Heiße Luft. Was folgt, ist eine Lesehilfe durch das, was geschrieben steht, und durch das, was mit derselben Sorgfalt verschwiegen wird.

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Eine Karte ist erschienen. Das Projekt Heiße Luft, ein Zusammenschluss aus AlgorithmWatch, FragDenStaat, Leitmotiv und dem Heiße-Luft-Kollektiv, hat eine interaktive Übersicht veröffentlicht, die zeigen soll, wo in Deutschland neue Rechenzentren entstehen. Die Bundesregierung, die mit ihrer Nationalen Rechenzentrumsstrategie die Rechenkapazitäten bis 2030 verdoppeln und die Kapazitäten für KI-Anwendungen vervierfachen will, hat eine solche Übersicht nicht vorgelegt. Sie hat sie nicht einmal angekündigt.

Dass Bürgerinnen und Bürger, zusammengerufen über ein anonymes Kontaktformular, das nachliefern müssen, was eine Regierung mit allen Mitteln der Verwaltung nicht liefert, ist eine Aussage über das Verhältnis zwischen Staat und Öffentlichkeit in diesem Land. Die Karte ist ein Akt bürgerschaftlicher Rekonstruktion. Sie ist auch ein Dokument des Versagens.

Man darf sie betrachten wie ein Röntgenbild, mit der Frage, was im Schatten liegt. Sie zeigt Standorte, Baufortschritte, Betreiber und Finanziers. Sie schätzt den Strombedarf. Sie zeigt, wo sich Protest regt. Soweit das, was enthüllt wird.

Doch das, was die Karte nicht zeigen kann, ist der eigentliche Skandal. Es ist die Leerstelle, die sich durch die gesamte Rechenzentrumsstrategie der Bundesregierung zieht, dokumentiert, nicht gefüllt. Welche Namen stehen auf den Investorenlisten? Wann genau soll gebaut werden? Wer genehmigt, wer kontrolliert, wer trägt die Folgekosten für Wasser und Strom, die nicht in den Bilanzen der Hyperscaler stehen, sondern in den Kreisen, in denen in diesem Sommer bereits Frischwasser rationiert werden musste? Die Bundesregierung weiß, wie sie selbst einräumt, nicht einmal, wie viel Wasser der Ausbau verbrauchen wird. Sie hat es nicht ermittelt. In einem Land, das Frischwasser rationiert, ist das keine Nebensache. Das ist die Hauptstadt.

Die Physikerin Tiziana von Witzleben, Mitgründerin des Kollektivs, sagt es mit der Ruhe derjenigen, die ihre Hausaufgaben gemacht haben: Rechenzentren beeinflussen durch ihren enormen Strom- und Wasserverbrauch viele Menschen direkt; indirekt treffen sie uns alle, weil ihr Strombedarf den Einsatz fossiler Energie nach oben treibt und die Klimakatastrophe befeuert. Man darf hinzufügen, was sie nicht ausspricht: Sie befeuern auch die Konzentration wirtschaftlicher Macht in den Händen weniger, die ihre Serverhallen mit dem Versprechen von Fortschritt füllen und die Kosten dorthin externalisieren, wo sie nicht in Bilanzen stehen.

Die Aktivistinnen haben Pressemitteilungen der Betreiber und Entwickler durchforstet, amtliche Veröffentlichungen, Publikationen börsennotierter Unternehmen, Preisentwicklungen auf dem Immobilienmarkt. Das ist solide Arbeit. Es ist das Mindeste. Es beantwortet die Frage, die jede solche Karte beantworten muss: Wer profitiert? Vorerst so: Wir wissen es nicht vollständig. Wir wissen, dass Betreiber und Entwickler genannt werden, soweit sie sich öffentlich äußern. Wir wissen, dass die Bundesregierung die vollständige Übersicht schuldig bleibt. Wir wissen nicht, welche Deals im Hintergrund geschlossen, welche Grundstücke übernommen, welche Stromlieferverträge unterzeichnet wurden.

Dass die Regierung die Karte nicht selbst zeichnet, ist keine Nachlässigkeit. Es ist eine Entscheidung. Wer KI-Kapazitäten vervierfachen will, ohne offenzulegen, wo die Infrastruktur entsteht, wer sie betreibt und welche Umweltlasten sie trägt, hat sich entschieden, zuerst zu bauen und später zu informieren. Das ist, diplomatisch formuliert, ein Vertrauensvorschuss, den niemand beantragt hat.

Die Karte ist daher mehr als ein Werkzeug. Sie ist eine Beweissicherung. Sie hält fest, was zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 28. August 2026 bekannt war, und sie macht sichtbar, wie viel im Dunkeln liegt. Für jeden Standort gilt nun die Frage, die noch zu stellen ist: Welche Hand hat hier unterschrieben? Welcher Investor, welche politische Genehmigung, welches Wasserrecht?

Wer Antworten sucht, muss die Karte benutzen und gleichzeitig verstehen, dass sie nur die halbe Arbeit ist. Die andere Hälfte bleibt bei jenen, die schweigen. Und das Schweigen, das hat man in Genf gelernt, ist immer das lauteste Dokument.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 2 von 2 Behauptungen belegt
  1. ZITAT Es existiert eine interaktive Karte, welche potenzielle Standorte für neue Rechenzentren bundesweit hervorhebt.

    „An diesen Orten sollen bundesweit neue Rechenzentren entstehen“ — wörtlich im Quelltext belegt

  2. ZITAT An diesen Orten sollen zukünftig neue Rechenzentren entstehen.

    „An diesen Orten sollen bundesweit neue Rechenzentren entstehen“ — wörtlich im Quelltext belegt

1 Quelle · 2 davon belegt · 0 externe Belege · 2 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

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