sechzig Abschiede: Kanadas C$504-Millionen und Amerikas leeres Haus
Die Pfeife ist kalt. Gut so. Heute brauche ich keinen Rauch, ich brauche Klarheit.
Was die BBC am neunundzwanzigsten August dieses Jahres aus Toronto meldet, ist mehr als eine Stellenanzeige. Kanada stellt vierundsechzig Professuren aus aller Welt ein. Drei Viertel davon — mindestens achtundvierzig — stammen aus den Vereinigten Staaten. Im Fördertopf liegen fünfhundertvier Millionen kanadische Dollar, umgerechnet rund dreihundertzweiundsechzig Millionen US-Dollar oder zweihundertachtundsechzig Millionen Pfund. Die Felder: Klimawandel und Medizin. Harvard ist darunter. Michigan ist darunter. Die University of Western Ontario nimmt einen ihrer bekanntesten Zugänge auf.
Drei Viertel. Das ist kein Brain Drain mehr. Das ist eine Strömung. Und Strömungen haben eine Richtung.
Was es bedeutet: Sechsundvierzig amerikanische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben in den vergangenen Monaten entschieden, dass ihre Zukunft nicht mehr in den Vereinigten Staaten liegt. Was es wirklich bedeutet: Die größte Wissenschaftsmaschinerie der Welt verliert ihre klügsten Köpfe nicht an einen Krieg, nicht an eine Hungersnot — sondern an die schlichte Erkenntnis, dass Forschungsgelder unzuverlässig geworden sind.
Die Trump-Administration, so die BBC, hat Universitäten ideologischer Einseitigkeit, überzogener Diversitätspolitik und des Versagens im Kampf gegen campusweiten Antisemitismus beschuldigt. Parallel wurden Bundesforschungsgelder für zahlreiche Institutionen eingefroren, die nach Regierungsansicht „verschwenderisch" handelten. Die BBC hat das Weiße Haus und das Bildungsministerium um eine Stellungnahme gebeten. Beide schwiegen.
Stille ist eine Antwort. Man muss nur zuhören können.
Ich erinnere mich an Versprechen. Das Manhattan-Projekt. Den Sputnik-Schock. Die Mondlandung. Jede Generation erfindet das Versprechen, Wissenschaft sei sakrosankt. Jede Generation glaubt das eine Generation lang. Dann wird der Haushalt gestrichen.
Seth Guikema forscht zu Klimaresilienz an der University of Michigan. Er ist einer der achtundvierzig. Er sagt der BBC, die Förderlandschaft in den USA sei für alles, was mit Klima und Resilienz zu tun habe, in den vergangenen Jahren schwierig geworden. Er habe ein intellektuelles Zuhause gesucht, an dem seine Arbeit praktische Wirkung entfalten könne. Über die kommenden acht Jahre wird er am University of Western Ontario arbeiten, mit acht Millionen kanadischen Dollar für die Entwicklung von Werkzeugen zur Vorbereitung auf Naturkatastrophen — Stürme, Waldbrände, Hitzewellen.
Die University of Michigan, sein bisheriger Arbeitgeber, lehnte eine Stellungnahme ab.
Kanada hat diesen Moment nicht dem Zufall überlassen. Melanie Joly, Ministerin für Industrie, erklärte am Donnerstag, die Regierung sei „sehr froh, dass diese fantastischen Professorinnen und Professoren kommen". Auf die Frage, ob das neue Programm als gezielte Abwerbung und als Eskalation im laufenden Handelskrieg gelesen werden könne, antwortete sie: „Die US-Administration trifft ihre eigenen Entscheidungen. Und wir treffen unsere."
Das ist die Sprache der Geopolitik. Sie klingt wie Höflichkeit.
Peter Caravan, Biopharmazeut, arbeitete zwei Jahrzehnte in den Vereinigten Staaten. Sein vollständiger Fall wird im BBC-Bericht nur angerissen. Wir wissen: Er kommt zurück. Er ist Kanadier. Er geht heim.
Einige der Berufenen sind in den USA geboren und aufgewachsen. Andere sind Kanadier, die im Ausland arbeiteten und nun zurückkehren. Beide Gruppen werden unter demselben Programm subsumiert. Beide hinterlassen Lücken, die kein Geld in sechs Monaten schließen kann.
Ich denke an die Labore. An die leeren Stühle in Seminaren. An die Postdocs, die jetzt eine Bewerbung mehr schreiben müssen, weil ihr Mentor fort ist. An die Forschungsprojekte, die mitten in der Datenerhebung sterben, weil jemand mit zwanzig Jahren Felderfahrung plötzlich in London, Ontario sitzt statt in Ann Arbor. An die Klimamodelle, die mit amerikanischen Daten gefüttert wurden und nun von einem kanadischen Rechenzentrum aus weiterlaufen.
Was hier geschieht, ist messbar. Fördergelder in Milliardenhöhe. Forschende in dreistelliger Zahl. Reputation, die in Generationen bezahlt wird. Was hier nicht gemessen wird, sind die stillen Kosten: die verlorene Mentorenschaft, die Doktorandin, die ihre Promotion abbrechen muss, weil ihr Betreuer kanadische Wälder kartiert statt amerikanische Hurrikane.
Die Pfeife bleibt kalt. Ich zünde sie nicht an.
Welche Lücke in der amerikanischen Forschungsinfrastruktur ist so tief, dass ausgerechnet der nördliche Nachbar — befreundet, benachbart, bislang verlässlich — sie mit einem Programm schließen kann, das eine halbe Milliarde Dollar wiegt?
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