Agency verloren — und keiner fragt, wer sie nahm
Es ist ein Satz, der durch die Salons und über die Schaltertresen geistert wie ein leises Unbehagen, das niemand mehr aussprechen mag, ohne es sogleich wieder einzuholen: Amerikanerinnen und Amerikaner haben das Gefühl, ihre Handlungsfähigkeit verloren zu haben. Eine Bemerkung, die bislang in einem einzigen Beitrag kursiert — eine These, unverifiziert, schwebend, und gerade deshalb ein Fall für das Notizbuch jener, die das Kleingedruckte lesen.
Denn eine These ist noch kein Urteil. Sie ist der erste Knoten in einem Netz, das sich erst spannt, wenn eine zweite Stimme ihn greift und weiterzieht. Und tatsächlich: Eine ältere Analyse, im Frühjahr 2022 in einer progressiven Online-Zeitschrift veröffentlicht, hat genau dieses Phänomen bereits in fünf Bewegungen seziert. Damals wie heute klang die Diagnose ähnlich, nur dass sie noch nicht den Klang einer allgemeinen Wahrheit angenommen hatte. Verlust der Macht, hieß es dort — doch das Wort ist zu groß, zu politisch, zu sehr nach Bühne schmeckend. Verloren ging etwas anderes: die Kontrolle über das eigene Leben.
Was als Nächstes geschieht, wenn diese Kontrolle schwindet, vermag heute niemand zu sagen. Doch um die Frage zu beantworten, muss man zunächst die Frage nach dem Wie stellen. Wie entsteht ein Vakuum dieser Art? Es entsteht nicht von selbst. Es hat eine Geologie. Es hat Schichten, die sich über Jahrzehnte abgelagert haben, und wer heute darüber geht, hört sie unter den Sohlen knirschen.
Es gibt keinen besseren Ort, um den Verlust einer Sache zu verstehen, als den Ort, an dem sie einst verbrieft war. In Amerika, diesem Kontinent der Verträge und der Selbstvergewisserung, war das Dokument der Handlungsfähigkeit lange Zeit die Gewerkschaftskarte. Sie war kein Geschenk; sie war eine erkämpfte Errungenschaft, eine Architektur, die dem Einzelnen erlaubte, mit gefalteten Händen vor demjenigen zu stehen, der ihm den Lohn zahlte. Die zweite Stimme erinnert: Vierzig Jahre einer Politik, die das ihre tat, um diese Architektur Stück für Stück abzutragen. Reagan hieß das Stichwort, und das Rezept hieß Markt. Was unter diesem Rezept verschwand, war nicht nur der Tarifvertrag, sondern das Gefühl, dass die eigene Stimme im Raum überhaupt gehört werde.
Man darf die Begriffe nicht verwechseln. Der Verlust der Handlungsfähigkeit ist nicht der Verlust der Freiheit. Es ist der Verlust der Hebel. Die großen Freiheiten — zu sprechen, zu wählen, zu gehen — bleiben formal bestehen, und gerade deshalb ist die Krankheit schwer zu benennen. Denn wer klagt über etwas, das er offiziell besitzt? Es ist, als stünde man in einem Haus, dessen Türen offen stehen, während der Boden unter den Füßen langsam weicht — ohne dass jemand genau sagen könnte, wann es begonnen hat. Was als Nächstes mit den Bewohnern dieses Hauses geschieht, ob sie bleiben, ob sie gehen, ob sie die Türen schließen oder weiterhin höflich offen halten für Gäste, die nicht kommen, das ist die Frage, die sich unter der Frage verbirgt.
Die zweite Stimme sprach auch von den neuen Monopolen. Riesige Arbeitgeber, die Löhne flach hielten, weil sie es konnten. Die Spielregeln wurden nicht aufgehoben, sie wurden nur noch für eine Seite geschrieben. Was bedeutet es, in einer solchen Wirtschaft zu erwachen, jeden Morgen, mit dem Wissen, dass die eigene Anstrengung den Preis nicht hebt, den man für sie erhält? Was bedeutet Handlungsfähigkeit in einem System, das dem Arbeitnehmer die Karte aus der Hand nimmt, bevor er überhaupt begreift, dass er am Tisch sitzt? Man stelle sich einen Mann vor, der jede Woche an den Tisch tritt, höflich, pünktlich, mit dem gleichen Hemd — und der nach Jahren feststellt, dass das Spiel längst ohne ihn begonnen hat.
Es ist eine Frage, die sich nicht stellt, wenn man sie nicht ausspricht. Doch genau hier beginnt das Bemerkenswerte: dass sie nicht ausgesprochen wird. Dass die Diagnose in den Salons kursiert, in den Kommentarspalten, in den leisen Bemerkungen am Rand von Familienessen — aber dass sie nicht den Weg in die offiziellen Protokolle findet. Was nicht in einem Protokoll steht, hat nicht stattgefunden. Was nicht stattgefunden hat, kann nicht behoben werden. Und was als Nächstes nicht behoben wird, das — so weiß man aus der Geschichte — wird früher oder später von jemand anderem behoben, nach dessen Methoden man nicht gefragt hat.
So bleibt vorerst: ein einzelner Satz, eine unverifizierte These, wartend auf die zweite Stimme. Eine zweite Stimme, die zwar älter ist und aus anderer Feder stammt, die aber die Konturen des Bildes nachzeichnet, das der erste Satz nur flüchtig andeutete. Korroboration ist kein Beweis, aber sie ist ein Anfang. Und ein Anfang, so wissen wir aus den Akten jener Verträge, die einst feierlich unterschrieben und später still beerdigt wurden, ist oft das meiste, was man bekommt.
Was geschieht, wenn das Gefühl der Entmächtigung zur politischen Kraft wird? Was geschieht als Nächstes, wenn die Hände leer bleiben und niemand mehr danach fragt, wann sie gefüllt waren? Die Handschuhe sind übergestreift. Man schreibt nur auf, was ohnehin alle wissen.
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