Der Riese von Wolfsburg taumelt
Es gibt Sätze, die klingen wie das leise Zuschnappen einer Guillotine, und Sätze, die klingen wie das Versprechen, man werde die Guillotine vorerst wieder wegräumen. Oliver Blume, Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG, hat sich am Dienstag in der Wolfsburger Zentrale vor seine Belegschaft gestellt. Was er dort sprach, war weder das eine noch das andere. Es war das Unangenehmste dazwischen: ein Versprechen, das nichts verspricht.
Die Zahlen sind inzwischen hinlänglich bekannt, und wer sie hört, sollte den Mantel zuknöpfen, bevor er weiterliest. Die Kosten des Konzerns sollen um zwanzig Prozent sinken, die Gehälter der Angestellten um zehn Prozent, jeder vierte Posten im Management soll verschwinden. Werkschließungen werden nicht ausgeschlossen. Emden, Zwickau, Hannover, Neckarsulm – die Namen fallen wie Dominosteine, die noch nicht umgefallen sind, aber bereits schwanken. Osnabrück, schreibt man in diesen Tagen besonders leise, ist ein Werk, über dessen Zukunft niemand Auskunft geben will. Es ist, als spräche man über einen kranken Verwandten, dessen Diagnose noch aussteht.
Man darf das Offizielle hören und das Offizielle weitergeben. Blume hat in den vergangenen Wochen erklärt, die Lage sei „mehr als kritisch". Er hat den Vorstand und die Belegschaft auf düstere Zeiten eingeschworen. Er stellt sich den Fragen der Beschäftigten in Betriebsversammlungen – so die offizielle Lesart. Was die Beschäftigten hören, sind Pläne, deren konkrete Zahlen noch fehlen. „Es wird nie wieder so, wie es einmal war. Die Glanzzeiten sind vorbei." Das hat Blume selbst gesagt.
Werkschließungen seien keine Zukunftsstrategie, hat Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies nach der Aufsichtsratssitzung gesagt. VW müsse trotz der Krise an seinen Standorten festhalten, forderte er. Blume spricht derweil davon, dass in Deutschland die Hälfte des Stellenabbaus stattfinden solle, und die Landesregierung komme ihm entgegen. Das ist die Sprache der Diplomatie, die Sprache derer, die in Genf Verträge gesehen haben, die nie eingehalten wurden – höflich im Ton, unbestimmt in der Sache.
Der Betriebsrat sieht eine Vertrauenskrise. Das ist höflich formuliert. Es ist die diplomatischste Art zu sagen, dass niemand mehr glaubt, was von oben kommt. Man stelle sich einen Konzern vor, dessen wichtigstes Kapital das Vertrauen seiner Belegschaft ist – und der dieses Kapital gerade mit der Aktenmappe verwechselt. Eine Belegschaft, die einmal stolz war auf ihre Werke, fragt sich nun, welche Werke sie in einem Jahr noch betreten darf.
Was bleibt, sind offene Fragen, und wer sie stellt, sollte Handschuhe tragen, denn die Antworten, die man bekommt, sind aus Papier. Wie viele Stellen sollen in Deutschland genau abgebaut werden? Blume spricht von der „Hälfte", aber der Hälfte wovon – gemessen an welchen Zahlen, von welchem Stichtag, mit welchen Übergangsregelungen? Was geschieht mit Osnabrück, diesem Werk, das immer dann erwähnt wird, wenn jemand besonders vage bleiben möchte? Was wird aus Emden und Zwickau, für die es weiterhin keine klare Perspektive gibt? Die Antworten darauf schuldet das Management jenen Menschen, die diese Woche in den Hallen stehen und zuhören müssen.
Während im Norden Deutschlands ein Industriekonzern um seine Haut ringt, sitzt man in Berlin und befasst sich mit der Zuckersteuer auf alkoholfreie Biergetränke. Lars Klingbeil hat das Thema auf die Tagesordnung gesetzt. Es ist nicht unsere Aufgabe, die Prioritäten der Bundesregierung zu ordnen – aber es fällt auf, wenn ein Land über die Besteuerung von Limonaden diskutiert, während zehntausende Industriearbeitsplätze auf der Kippe stehen. Man darf sich fragen, wo die Aufmerksamkeit weilt, wenn die Fabriken kalt zu werden drohen.
Dass bei Gerresheimer derweil der Interimschef das Unternehmen verlässt, gehört in eine andere Geschichte. Aber es ist eine Geschichte, die in dieselbe Richtung weist: Die deutsche Industrie taumelt, und wer sie führen soll, scheint mit dem eigenen Kompass zu hadern. Es ist, als hätten alle gleichzeitig die Karte verloren, auf der eingezeichnet war, wohin die Reise geht.
Wir werden die Handschuhe anbehalten und weiter zuhören. Die Betriebsversammlungen dieser Woche werden zeigen, ob das, was Blume verspricht, ein Versprechen ist – oder nur eine weitere jener schönen Formulierungen, die nichts kosten und niemanden binden.
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