Börse 1937
Terminal Tribune

31. August 2026

Dossier · Politik & Macht

Pultu und die Kunst der lesbaren Konflikte

31. August 2026 — — Kastner

Zwei Häuser bündeln ihre Expertise. CORRECTIV, KATAPULT, das neue Magazin heißt PULTU, vierteljährlich, 72 Euro im Jahr, digital inklusive. Im Bahnhofsbuchhandel liegt es aus. Man könnte sagen: Die Welt, einmal auf Kioskniveau sortiert.

Zeitgenössische Anzeige (Illustration)
— Anzeige —

Die Mechanik ist nicht neu. Komplexität wird in Bilder übersetzt. Kausalitäten werden zu Pfeilen. Konflikte werden zu lesbaren Räumen. „CORRECTIV und Katapult wollen die Konflikte unserer Zeit sichtbar machen", sagt David Schraven, Geschäftsführer und Publisher von CORRECTIV. „In PULTU bieten wir die notwendige Orientierung in einer komplizierteren Welt." Und weiter: „Wir wollen gemeinsam erklären, was sich in der Welt tut, warum es passiert und wer die treibenden Kräfte hinter den großen und kleinen Konflikten rund um den Globus sind."

So weit die Ansage. Sie klingt nach Aufklärung, und sie meint es vermutlich auch so. Aber wer erklärt, wählt aus. Eine Karte ist kein Argument, aber sie strukturiert eines. Eine Grafik ist keine Analyse, aber sie legt nahe, wo eine beginnen könnte. Was in der Übersicht sichtbar wird, ist immer auch das, was den Rahmen des Sichtbaren verlässt. Wer beides zugleich verspricht – das Sichtbarmachen und das Erklären –, muss sich fragen lassen, wo das eine aufhört und das andere beginnt.

Gegründet wurde PULTU nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine. Benjamin Fredrichs von KATAPULT nennt das Heft „bereits einen großen Erfolg" und freut sich, es „nun gemeinsam mit CORRECTIV weiterzuentwickeln und auf das nächste Level zu heben". Diese Formulierung verrät mehr, als sie meint. Erfolg ist ein Marktbegriff. „Nächstes Level" ist eine Treppenmetapher. Beides gehört in eine Branche, die ihre Leserinnen und Leser auch dann als Publikum behandelt, wenn sie sich als mündige Bürger versteht.

Dass PULTU sich „ausdrücklich auch an Menschen" richtet, „die bislang wenig Berührung mit Geopolitik hatten", ist das eigentliche Geschäftsmodell. Wer mit der Materie vertraut ist, hat seine Quellen, seine Karten, seine Lieblingserklärer. Wer nicht vertraut ist, ist offen. Und damit empfänglich für die Art, wie ihm die Welt eingezeichnet wird. Die Auswahl der Karten ist die Auswahl der Welt. Wer diese Auswahl trifft, trifft eine Machtentscheidung – auch wenn sie als pädagogische Geste daherkommt.

CORRECTIV steht für einen anderen Anspruch. Wer das Haus kennt, weiß, dass hier veröffentlicht wird, was andere nicht schreiben wollen. Dieses Selbstverständnis lässt sich nicht ohne Weiteres in ein Quartalsmagazin übersetzen. Eine Recherche braucht Zeit, oft Schutz. Ein Heft braucht einen Erscheinungstermin. Beides gleichzeitig zu sein, ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist eine Spannung, die im Layout unsichtbar wird.

Dass das Magazin einen freiwilligen Solidaritätsbeitrag ermöglicht, „um den Zugang für Menschen [zu] ermöglichen, die sich das Angebot sonst nicht leisten könnten", gehört zur Selbstbeschreibung eines Hauses, das sich seines Auftrags bewusst zeigt. Es ist eine noble Geste in einem Geschäft, das ohnehin auf Abos basiert. Ob sie ausreicht, um die Frage zu beantworten, welche Narrative durch eine schöne Grafik transportiert werden und welche Informationen dabei im Raster bleiben, wird jede Ausgabe neu beantworten müssen.

Wer 72 Euro im Jahr zahlt, bekommt vier Hefte, digitale Zugänge und das beruhigende Gefühl, orientiert zu sein. Was genau diese Orientierung kostet – an Ausblendung, an ungefragten Setzungen, an der Beruhigung, dass die Welt erklärbar sei, wenn man sie nur richtig aufschlage –, sagt der Preis nicht. Es wird Sache der Leserinnen und Leser sein, das Heft an seinem eigenen Anspruch zu messen. Auch, und gerade, wenn dieser Anspruch von CORRECTIV kommt.

❖ Ende des Artikels ❖

Erwähnt in diesen Akten

Aus diesem Ressort