Börse 1937
Terminal Tribune

31. August 2026

Dossier · Politik & Macht

Synchron geplant: Russlands Razzien gegen seine Indigenen

31. August 2026 — — Kastner

Am 17. Dezember 2025 um eine Uhr nachts, in einer Stunde, in der Beamte gewöhnlich schlafen und Richter träumen, klopften Männer mit kurzen Haaren an Türen, die sie seit Wochen beobachtet hatten. Die Adressen lagen verstreut über das russische Territorium, von der Kola-Halbinsel bis nach Südsibirien, doch die Uhrzeit war dieselbe. Das war kein Zufall. Es war ein Protokoll.

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Wer an diesem Morgen aufwachte und die Nachrichten las, erfuhr von koordinierten Durchsuchungen in den Wohnungen indigener Aktivistinnen und Aktivisten. Stundenlang wurden Wohnungen durchkämmt, Computer und Handys beschlagnahmt, Dokumente fortgetragen, Verhöre geführt. Die Einsatzkräfte kündigten an, wiederzukommen. Diese Ankündigung war, wer die Mechanik solcher Besuche kennt, bereits das Urteil.

Die Gleichzeitigkeit war die Pointe. Wer gleichzeitig zuschlägt, kann keine Solidarität erzeugen. Wer gleichzeitig zuschlägt, nimmt den Menschen die Möglichkeit, einander anzurufen, sich zu versammeln, gemeinsam zu schweigen oder gemeinsam zu sprechen. Das ist keine Improvisation. Das ist eine Methode.

Diese Methode richtet sich gegen eine Bevölkerungsgruppe, die in der deutschen Wahrnehmung Russlands schlicht nicht vorkommt. Russland, dieses Land mit 146 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern, ist keine homogene Masse. Es ist ein Vielvölkerstaat mit 190 ethnischen Gruppen, und unter ihnen existieren die sogenannten „Indigenen kleinen Völker des Russischen Nordens", 47 Gemeinschaften, von denen jede einzelne weniger als 50.000 Angehörige zählt. Manche zählen weit weniger. Die Tschulymen entlang des Flusses Tschulym in Südsibirien sind 382 Menschen. Zehn von ihnen sprechen noch die tschulymische Sprache. Die russischen Sámi auf der Kola-Halbinsel sind 1.390. Wenn man eine Sprache in einem Jahrhundert verliert, verliert man kein Vokabular. Man verliert eine Art, die Welt in Jahreszeiten einzuteilen, in acht zum Beispiel, nicht in vier.

Das russische Recht erkennt diese Gruppen an. Es sichert ihnen besondere Rechte an Land und Ressourcen zu, es schützt Kultur und Sprache auf dem Papier. Das Papier ist geduldig, wie man weiß. Es hält jeder Unterschrift stand, solange die Tinte nicht durch Wasser läuft.

An dieser Stelle ist eine Klarstellung notwendig, die jede seriöse Berichterstattung verlangt: Die hier dargestellten Zusammenhänge stützen sich bislang auf eine einzige Quelle, die Bearbeitung durch Anastasia Anisimova bei Correctiv, datiert auf den 17. August 2026. Die Schilderung der Razzien, die Einordnung der betroffenen Gruppen, die historische Linie, all dies liegt gegenwärtig nur in dieser einen Darstellung vor. Eine unabhängige Verifizierung durch weitere Korrespondentinnen, durch Menschenrechtsorganisationen vor Ort, durch Gerichtsdokumente oder durch die Betroffenen selbst steht aus. Solange das so ist, bleibt der Text ein erster Hinweis, keine gesicherte Chronik. Das ist kein Eingeständnis von Schwäche, sondern eine Disziplin, die dem Thema geschuldet ist.

Denn das Thema verlangt Genauigkeit. Es geht um 47 Gemeinschaften, die nach Gesetz besonders geschützt sein sollen und in der Praxis einem Druck ausgesetzt sind, der über einzelne Verhaftungen hinausweist. Es geht um die Frage, wie aus indigenen Aktivistinnen in den Augen eines Staates Terroristinnen werden. Diese Frage reicht Jahrzehnte zurück, in eine Zeit, als dieselben Verfahren gegen andere Minderheiten erprobt wurden, gegen Tschetschenen, gegen Krimtataren, gegen jeden, der sich gegen das Zentrum stellte.

Die Durchsuchungen vom 17. Dezember folgen einem Muster, das man erkennen muss, um es beim Namen zu nennen. Sie folgen dem Muster der Gleichzeitigkeit. Sie folgen dem Muster der Beschlagnahme von Kommunikationsmitteln. Sie folgen dem Muster der Ankündigung, wiederzukommen. Es ist immer dasselbe Muster, nur die Adressen wechseln.

Was hier geschieht, ist die systematische Verengung des Raumes für jene, die zwischen 382 und 50.000 Menschen zählen. Ihre Gebiete liegen in Sibirien, im Norden, im Osten, dort, wo Fischerei, Jagd und Rentierzucht nicht Folklore sind, sondern Lebensgrundlage. Ihre Beziehung zum Land hat ihre Sprache geformt und ihre Zeitordnung, ihre Kosmologie, ihren Begriff von Zugehörigkeit. Das ist kein ethnographisches Inventar. Das ist eine Antwort auf die Frage, was es bedeutet, an einem Ort zu leben, den man seit Jahrhunderten kennt.

Dass ausgerechnet diese Gemeinschaften, die nach dem eigenen Gesetz des Staates besonderen Schutz genießen sollten, zum Ziel koordinierter Razzien werden, wirft eine Frage auf, die über den Einzelfall hinausreicht. Es ist die Frage, ob ein Staat, der seine kleinsten Völker unter das Banner der Terrorismusbekämpfung stellt, noch die geringste Bereitschaft besitzt, die Rechte zu achten, die er selbst formuliert hat.

Die Antwort auf diese Frage wird man nicht in Moskau finden. Man wird sie in jenen Wohnungen finden, die am 17. Dezember um ein Uhr nachts geöffnet wurden, in den Augen derer, die dort saßen und zusahen, wie ihre Festplatten in Kartons verschwanden. Diese Augen haben nichts zu verbergen gehabt. Sie haben zugehört und gewartet. Sie werden weiter zuhören und warten müssen.

Die Terminal Tribune wird weiter berichten, sobald weitere Quellen die vorliegende Darstellung verifizieren oder korrigieren. Bis dahin gilt, was für jede ungeprüfte Nachricht gilt: Sie ist ein Anfang, kein Schluss.

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